Die Geschichte der Seuchenbekämpfung – ein Wettlauf mit dem Tod

Das alte chinesische Wort für Krise besteht aus den beiden Zeichen „Gefahr“ und „Chance“ – ein Wort mit starker Bedeutung für unsere Zeit, in der wir mitten in der Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie stecken, die alle Länder dieser Erde mehr oder weniger stark getroffen hat. Richtig betrachtet, zeigt der Ausbruch der Pandemie das heutige Paradox der Menschheit: wir leben im 21. Jahrhundert und verfügen über großartige technische Errungenschaften, wie sie noch vor 150 Jahren unvorstellbar waren: Telefon, Fernsehen, Hochgeschwindigkeitsbahnen, Magnetschwebebahnen, ausgeklügelte industrielle Fertigungsmöglichkeiten, moderne Landwirtschaft, Flugzeuge, PC, Handy und Weltraumfahrt.

Die chinesischen Schriftzeichen für Krise bedeuten gleichzeitig Gefahr, aber auch Chance.

Auf der anderen Seite stehen wir vielen Krankheiten immer noch hilflos gegenüber; bildmäßig ließ es sich mit einem Satz beschreiben: Wir bekommen immer noch den gleichen Schnupfen! Es gibt unglaublich viele Fortschritte, nur bei der endgültigen Ausrottung von tödlichen Infektionskrankheiten sind wir – bis auf die Pocken, die tatsächlich als ausgerottet gelten – nur wenig weitergekommen. Die jetzige Coronavirus-Pandemie zeigt deutlich: Auch wenn wir hier in Europa nach den ersten dramatischen Ausbrüchen die Lage einigermaßen in den Griff bekommen haben und meinen, man könnte jetzt wieder zum „Normalzustand“ übergehen, breitet sich Covid-19 weltweit, vor allem in vielen Ländern Afrikas, Lateinamerikas, Asiens sowie Teilen Osteuropas und Rußlands unkontrolliert weiter aus. Das gleiche gilt auch für gefährliche Seuchen wie HIV/AIDS, Tuberkulose, Malaria, Cholera, Hepatitis und viele andere Krankheiten. Die Globalisierung und die seit den 1980er Jahren praktizierte Austeritätspolitik gegenüber den Entwicklungsländern, die verheerende Finanzpolitik der sich immer weiter aufblähenden Geldspekulation und nicht zuletzt die Politik der EU, die seit Jahrzehnten grundlegende Investitionen verhindert, hat zu der jetzigen Lage geführt, in der Corona das Faß zum Überlaufen bringt.

Die große Chance der jetzigen Krise liegt also daran, das Paradox von „Gefahr und Chance“ zu erkennen und die richtigen Konsequenzen daraus zu ziehen. Seit den 1980er Jahren wurde die Abwehrkraft der Menschheit gegen tödliche Krankheiten immer weiter geschwächt – durch die Schließung und/oder Privatisierung von Krankenhäusern, die Beendigung von Impfprogrammen und Einstellung von Maßnahmen zur Schädlingskontrolle sowie eine Verschlechterung der Ernährungs- und Lebensbedingungen für die Mehrzahl der Weltbevölkerung. Es war also lange vorhersehbar, daß die Politik der radikalen Deregulierung und Globalisierung der Weltwirtschaft an einem bestimmten Punkt zu einer epidemiologischen Katastrophe führen würde. Warum sind dann nicht längst die notwendigen Maßnahmen ergriffen worden? Das Paradox erklärt sich durch Aussagen, wie zum Beispiel des britischen Prinzen Philip:

„Je mehr Menschen es gibt, desto mehr Ressourcen werden sie verbrauchen, desto mehr Umweltverschmutzung werden sie verursachen, desto mehr werden sie kämpfen. Wir haben keine andere Wahl. Wenn das nicht freiwillig kontrolliert wird, wird es unfreiwillig durch eine Zunahme von Krankheiten, Hunger und Krieg kontrolliert werden.

… Für den Fall, daß ich wiedergeboren werde, möchte ich als tödliches Virus zurückkehren, um etwas zur Lösung der Überbevölkerung beizutragen.“ (dpa, 8. August 1988)

Einflußreiche wissenschafts- und wachstumsfeindliche Kräfte haben verhindert, daß Lösungen für ein besseres Überleben der Menschheit gefunden wurden. Auf dieser Grundlage wurden weitreichende politische Entscheidungen getroffen, die in der Bevölkerung zu einem tiefsitzenden Kultur- und Lebenspessimismus geführt haben, was auch hinter der verbreiteten Impfmüdigkeit, den Kampagnen gegen Insektizide bzw. moderne Landwirtschaft und mit Blick auf die jetzige Coronavirus-Pandemie auch hinter den Fake-News steckt, die behaupten, das Virus sei ganz harmlos und die Infizierten wären „sowieso alle gestorben“.

Wirtschaftskrisen und Kriege fördern Seuchen

Seuchen waren immer die große Geißel der Menschheit. Solange man denken kann, traten immer wieder Epidemien oder Pandemien auf und töteten oft Millionen von Menschen. Noch vor gut 100 Jahren zog die sog. „Spanische Grippe“ über die Welt und forderte 50, nach manchen Schätzungen sogar bis zu 100 Mio. Todesopfer. Zum Vergleich: Im Ersten Weltkrieg kamen ca. 17 Mio. Menschen um. Auch heute fordern immer noch Tuberkulose, Malaria und Cholera ihren Tribut. Selbst die Pest ist davon nicht ausgenommen, die Berichten zufolge erstmals 430 v. Chr. in Ägypten aufgetreten ist. Als sie 600 n. Chr. wiederkehrte, breitete sie sich über den ganzen Mittelmeerraum, über ganz Europa und sogar bis nach Irland aus. Sie wurde zur ersten Pandemie in der Menschheitsgeschichte. Zwischen 1347 und 1351 grassierte die Pest erneut in Europa infolge gigantischer Bankenzusammenbrüche (Bardi und Peruzzi) und einer jahrzehntelangen mit heute vergleichbaren Austeritätspolitik, einer Serie von Mißernten und Hungersnöten. 20 Mio. Menschen, ein Drittel der europäischen Bevölkerung, fielen dieser Katastrophe zum Opfer und stürzte ganz Europa in ein „dunkles Zeitalter“. Giovanni Boccaccio (1313–1375) beschrieb die Pest in Florenz in seinem berühmten Buch Decamerone:

„Die Pest ließ die Herzen der Menschen gefrieren, jeder wich dem anderen aus. Blutsverwandte wandten sich ab, der Bruder verließ den Bruder, auch Männer ihre Frauen, und, was kaum zu glauben ist, Väter und Mütter überließen ihre kranken Kinder dem grausamen Schicksal, unversorgt, einsam, als ob sie Fremde gewesen wären.“

Danach gab es in Europa 1722 nur noch einen weiteren großen Pestausbruch, dann nie wieder. Die Pest ist aber nicht aus der Welt verschwunden, sie kann heute zwar mit Antibiotika behandelt werden, doch 1994 flammte sie in Indien, 2006 im Kongo und 2008 in Uganda kurzzeitig auf. Heute noch erkranken jährlich weltweit immer noch 2000 Menschen an der Pest, ca. 10 Prozent davon sterben.

Die weltweite Verbreitung der Pest heute. Hellblau: Gemeldete Pesterkrankungen (1970–1998); Dunkelblau: Korrelation mit festgestelltem Vorkommen der Pest bei Tieren | Graphik: Wikipedia

Bei fast allen großen Ausbrüchen von Seuchen und Krankheiten war immer eines auffällig: Sie traten nie in wirtschaftlich prosperierenden Zeiten auf, sondern die großen Epidemien waren immer eine Folge langanhaltender Zerstörung und wirtschaftlicher Ausplünderung durch oligarchische Institutionen. Die „Schwarze Pest“ des 14. Jahrhunderts brach nach einer langanhaltenden globalen Wirtschaftsdepression auf. Im späten 19. Jahrhundert war die koloniale Ausplünderungspolitik Ursache für verheerende Cholera-Epidemien weltweit.

Vor allem nach langjährigem Zerfall der Infrastruktur, nach dem Niedergang der menschlichen Lebensbedingungen schlagen Seuchen unerbittlich zu. Die Cholera genauso wie der Typhus sind typische Krankheiten, die durch schlechte hygienische Bedingungen und die dadurch bedingte Verunreinigung des Trinkwassers hervorgerufen werden. Diese schweren Infektionskrankheiten waren noch in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts auch in Europa stark verbreitet. Erst als Robert Koch die Erreger entdeckte und sich die Vermutung bestätigte, daß verseuchtes Trinkwasser die Ursache war, konnten die Erreger durch den Bau von Kläranlagen und Abwassersystemen eingedämmt werden.

Allerdings gehören vor allem Durchfallerkrankungen in Südamerika, Afrika und Südostasien noch heute sozusagen „zum Leben dazu“. Die Erreger werden durch den Verzehr verunreinigter Nahrungsmittel oder Wasser übertragen, manchmal kommt es auch zu direkten fäkal-oralen Übertragungen. Besonders Schalentiere aus abwasserverseuchten Gebieten sind eine häufige Infektionsquelle, aber auch mit Fäkalien gedüngtes Gemüse und rohe Früchte können zu einer Infektion führen, oder kontaminierte Milch und Milchprodukte. Besonders tückisch ist auch die Übertragung durch Fliegen, die die Erreger auf ungeschützt gelagerte Lebensmittel übertragen.

Makaber ist die Tatsache, daß heute ein Drittel bis drei Viertel der Menschen keinen Zugang zu frischem Trinkwasser haben, jedoch Zugang zu Verhütungsmitteln: Der „United Nations Population Fund“ (UNFPA) stellt in einem Papier fest, daß z. B. in Haiti 81 % der Frauen Zugang zu Empfängnisverhütung haben, aber nur 28 % Zugang zu sauberem Wasser, im bergigen Nepal sind es 95 % bzw. 44 %.

In Deutschland wurden noch 2018 insgesamt 58 Typhus-Erkrankungen gemeldet, alles Fälle von im Ausland erworbenen Infektionen bei Nichtgeimpften. Zwischen 2001 und 2018 gab es in Deutschland jährlich zwischen 58 und 90 Typhus-Erkrankungen.

Epidemien, Pandemien und die Geschichte der Seuchenbekämpfung

Man spricht von einer Epidemie, wenn sich ein Erreger in einer ganzen Region oder mehreren Ländern ausbreitet. Wenn sich dagegen ein Erreger über die ganze Welt ausbreitet, spricht man von einer „Pandemie“. Schon lange fürchten Mediziner und Epidemiologen gefährliche Mutationen bekannter Grippeviren, die sich wie jetzt das neue Coronavirus in der globalisierten Welt rasend schnell ausbreiten können. Die übliche saisonale Grippe wird durch immer neue Virenstämme hervorgerufen, die durch Mutation oder Kreuzung entstehen und so immer wieder auf eine Bevölkerung treffen, die dagegen keine Immunität hat. Neue Mutationen sind besonders gefürchtet, denn diese können praktisch jederzeit eine neue Pandemie auslösen, wie die sogenannte „Spanische Grippe“ 1918 oder die anderen großen Grippepandemien: Die „Russische Grippe“ 1889 bis 1895 brachte eine halbe Million Menschen um. Das „Asia-Virus“, das sich ab 1957 über 11 Jahre bis 1968 hielt, und der gefürchtete Stamm der „Hongkong-Grippe“ (A/Hong Kong/1/1968 H3N2) von 1968–1970 töteten weltweit jeweils ungefähr eine Million Menschen.

Insgesamt unterteilt man die von Bakterien und Viren übertragenen Erkrankungen in vier verschiedene Familien, je nachdem welche Körperbereiche sie befallen, bzw. wie sie vorrangig übertragen werden:

  • Krankheiten des Verdauungssystems, wie z. B. Cholera, Salmonellen, Typhus.
  • Erreger, die durch Tröpfchen übertragen werden, wie Diphtherie, Grippe, Masern, Tuberkulose oder auch der Schnupfen oder durch das Einatmen infizierter Tröpfchen, die in der Luft schweben oder sich auf Nahrungsmitteln oder Gegenständen niedergeschlagen haben.
  • Sexuell übertragbare Krankheiten, wie Syphilis, Hepatitis B, humane Papillomaviren, und HIV/AIDS, wobei hier mittlerweile auch andere Übertragungswege über das Blut bekannt sind.
  • Durch Stiche oder Bisse von Tieren (Flöhen, Mücken, Zecken, Moskitos) übertragene Krankheiten. Darunter fällt die Pest genauso wie Malaria, Gelbfieber und Denguefieber.

Methoden zur Bekämpfung von Seuchen – zum Beispiel der uns allen in der Coronazeit bekannte „Lockdown“, aber auch Meldepflicht, Quarantäne, Erhebung von Statistiken und Einrichtung spezieller Kliniken zur Isolierung von Infizierten – wurden erstmals in Italien in der Zeit der Schwarzen Pest angewandt. Man zählte damals bereits systematisch die Todesopfer, um Rückschlüsse zu ziehen, ob es sich um eine kurzfristige Anhäufung von Fällen oder eben um eine Seuche handelte Auch die Methode des Abriegelns stammt aus dieser Zeit: 1374 durften die Menschen aus Reggio nell’Emilia die Stadt nicht verlassen und keiner durfte hinein. In Venedig wurden für bestimmte Personengruppen Ausweise, der sog. „pass a porto“, ausgestellt – ähnlich der heutigen Bescheinigung für systemrelevante Tätigkeiten –, damit der Verkehr von Personen und Waren kontrolliert werden konnte. Auch alle pestverdächtigen Schiffsreisenden wurden eine Zeit lang isoliert, und um das gezielter und effektiver durchführen zu können, gab es ab 1423 in Venedig im Kloster Nazareth ein erstes Pestkrankenhaus auf einer Insel.

Entwicklung der Massenquarantäne-Maßnahmen im Rahmen der COVID-19-Pandemie 2020 in mehreren Ländern: Krankentragen in einem medizinischen Zentrum in Wuhan (Volksrepublik China), menschenleere Straßen in Lima (Peru) und Madrid (Spanien) und Reinigungsmaßnahmen in Teheran (Iran) und Manila (Philippinen). Quelle: Wikipedia

Bis heute gelten diese Methoden als Standard. Bei Feststellung einer starken Ausbreitung, die eine Seuche charakterisiert, wird seit dem Mittelalter versucht, die Krankheitsfälle zu isolieren. Braunschweig errichtet 1473 die ersten Pesthäuser, Celle ebenfalls im Jahre 1495. Erkrankte dürfen keinen Kontakt zu anderen Menschen haben, und Gesunden ist es zeitweilig verboten, Kirchen, Marktplätze oder Feste zu besuchen, Händler, die angesteckt sind, dürfen keine Waren verkaufen.

Ein „Lockdown“ ganzer Städte und Regionen, sogar ganzer Länder – wie er in China unmittelbar nach dem Coronavirus-Ausbruch erfolgreich praktiziert wurde – ist seitdem in der Medizingeschichte immer weiterentwickelt worden. Dadurch konnte man Seuchen zwar nicht ausrotten, aber doch erst einmal unter Kontrolle bringen und viele Menschenleben retten. Erst durch die Entdeckung bakterieller Krankheitserreger im 19. Jahrhundert und ab 1931 (nach der Entwicklung des Elektronenmikroskops) der viel kleineren Viren sowie der Entdeckung antibiotischer Wirkstoffe gab es für viele Hoffnung auf Heilung.

Trotzdem dürfen wir uns nicht in einem falschen Sicherheitsgefühl wiegen. Wir sind weder vor großen Epidemien und Pandemien geschützt, noch sind vorhandene Medikamente in ihrer Wirksamkeit ständig gleich, wenn man sie nicht weiterentwickelt und anpaßt. Wie der Coronavirus-Ausbruch zeigt, kann die Lage weltweit jederzeit außer Kontrolle geraten. Viren und Bakterien entwickeln und verwandeln sich weiter, der Mensch als Ideenwesen sollte das auch tun. Im 21. Jahrhundert sollte es endlich möglich sein, gefährliche Krankheiten zu besiegen.

Nur eine einzige Krankheit besiegt: die Pocken

Das Pestlazarett in Alsergrund bei Wien. Votivgemälde von 1680. Quelle: Wikipedia

Doch wir Menschen haben bisher nur eine einzige Seuche besiegt – die Pocken. Die Pocken waren eine der grausamsten Krankheiten, weil sie Menschen bereits in der Kindheit befiel. Die Pocken wurden durch Tröpfcheninfektion, aber auch durch kontaminierte Gegenstände oder Schmutzwäsche übertragen. Die Inkubationszeit betrug 7 bis 19 Tage, nach zwei Wochen waren die ersten Symptome erkennbar: Fieber, Kopf-, Glieder- und Rückenschmerzen sowie Entzündungen der Atemwege wie bei einer schweren Grippe. Dann bildeten sich auf der Zunge und im Rachen kleine, rote Bläschen, es folgte der typische Hautausschlag im Gesicht, an Armen und Beinen – zuerst rötliche Flecken, später Knötchen verbunden mit einem starken Juckreiz.

Daraus entwickelten sich dann die ekelerregenden, eitergefüllten und stinkenden Pusteln, die aufplatzten oder eintrockneten und dabei eine harte Kruste hinterließen. Fiel der Schorf ab, fing die Haut wieder an zu jucken. Zurück blieben oft entstellende Narben. Bei der besonders schweren Form kam es zu Blutungen, welche die Pusteln dunkel einfärbten, und auch in den Schleimhäuten und den inneren Organen konnten sich Blutungen entwickeln, die zum Tod führten. Die Sterblichkeit lag bei 20–40 %, d. h. von 10 Infizierten starben zwei bis vier. Noch bis in die 1980er Jahre hatten wir mit dieser gefährlichen, durch Viren hervorgerufenen, Krankheit zu kämpfen.

Edward Jenner bei der ersten Impfung gegen Pocken, die er bei dem achtjährigen James Phipps am 14. Mai 1796 durchführte. Gemälde von Ernest Board. Quelle: Wikipedia

Edward Jenner, ein britischer Arzt, stellte bereits Ende des 18. Jahrhunderts fest, daß eine Ansteckung mit den ungefährlichen Kuhpocken vor der Erkrankung an echten Pocken schützen könne, woraufhin er wie schon andere vor ihm vermutete, daß man Menschen durch eine Impfung (damals Variolation genannt) vor einer Ansteckung bewahren könne. Tatsächlich soll in China bereits im 2. Jahrhundert v. Chr. eine Art Pockenimpfung verwendet worden sein, indem man Gesunden kleine Mengen des zerriebene Pockenschorfs inhalieren ließ. Die Nachricht von Jenners Erfolg verbreitete sich schnell, und schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts fand die Pockenimpfung in den Industrienationen schnelle Verbreitung. In Bayern zum Beispiel schon um 1807, im Deutschen Reich ab 1871. Endlich konnte man Kinder vor dieser schrecklichen Seuche bewahren, und wer heute anmaßend seine Impfgegnerschaft mit „freier Meinung“ begründet, sollte sich den Schrecken und das Leiden der Menschen in der Zeit vor dieser rettenden Idee vor Augen führen.

Durch eine systematische weltweite Impfkampagne ist es gelungen, das Pockenvirus zum Verschwinden zu bringen. 1977 erkrankte der somalische Koch Ali Maow Maalin als letzter Mensch an natürlichen Pocken. Heute existiert das Variola-Virus nur noch in zwei Hochsicherheitslaboren in den USA und Rußland.

Bakterien und Viren kennen keine Grenzen

Wenn die Pocken ausgerottet werden konnten, fragt man sich natürlich, ob nicht auch andere Erkrankungen besiegt und dadurch Epidemien verhindert werden können. Doch dafür bedarf es eines politischen Willens, den es so heute nicht mehr gibt. Die Skepsis an erprobten und erfolgreichen Impfmöglichkeiten wächst genauso wie das geschichtliche und wissenschaftliche Unwissen der Menschen. Viele zweifeln heute nicht nur die Schwere von Infektionskrankheiten an, sondern auch die Sterblichkeit oder auch – wie bei der Grippe – die Gefährlichkeit für Kleinkinder und ältere Menschen. Darüber hinaus werden geschichtlich belegte und durch Augenzeugen überlieferte Erfahrungsberichte einfach als unwahr bezeichnet. Gerade die Impfgegnerschaft und die von ihren Verfechtern vorgebrachten Argumente sind das Abbild einer jahrtausendealten Kunst, der Rhetorik. Die Sophisten im alten Athen waren Meister darin, je nach Bedarf alles zu beweisen oder alles zu widerlegen. Protagoras aus Abdera (um 458–415 v. Chr.), einer der bekannten Widersacher des Pythagoras, über den Platon viel geschrieben hat, behauptete, es gebe nur eine „relative Wahrheit“:

„Wie alles einzelne mir erscheint, so ist es für mich, wie dir, so ist es für dich.“

Masern

Die hysterische Impfskepsis bei den Masern ist ein genauso großes Problem wie die unzureichende Gesundheitsversorgung in vielen Ländern der Erde. Während in Deutschland die Masernfälle von 2001 bis 2019 von über 6000 Infektionen auf ca. 600 Fälle zurückgingen – mit einigen Ausnahmen wie 2015, als es einen erneuten massiven Ausbruch mit über 2500 Fällen gab –, ist die Lage weltweit sehr dramatisch. Auf der Nationalen Impfkonferenz kommentierte 2015 Brandenburgs damalige Gesundheitsministerin Diana Golze: „Masern sind keine harmlose Kinderkrankheit, sondern eine hochansteckende Infektionskrankheit, die ernsthafte Komplikationen verursachen und sogar tödlich verlaufen kann. Weltweit sterben jeden Tag etwa 400 Kinder an dieser Infektionskrankheit. Die aktuelle Masernwelle zeigt, daß es auch in Deutschland noch große Impflücken gibt.“

Tatsache ist, daß die Masern eine der ansteckendsten Infektionskrankheiten des Menschen überhaupt sind, denn ein Infizierter kann bis zu 18 andere Menschen anstecken. Bei der Grippe sind es zum Beispiel nur bis zu drei andere Menschen. In allen armen Regionen der Welt sind die Masern heute immer noch einer der wesentlichen Gründe für die hohe Kindersterblichkeit. Im Jahre 2013 starben weltweit noch rund 146.000 Kinder daran. Nach neuesten Erkenntnisse schwächen Masern das Immunsystem nach überstandener Infektion noch für drei Jahre. Die Masernimpfung konnte die Kindersterblichkeit in ärmeren Ländern seit 2015 um 30 % und um bis zu 90 % in den ärmsten Nationen reduzieren.

In der europäischen Region sollten laut WHO die Masern eigentlich bis 2020 eliminiert sein, doch dafür wäre ein wie bei den Röteln sehr hoher Impfschutz in der Bevölkerung erforderlich: mindestens 95 Prozent müßten die empfohlene Zweifach-Impfung erhalten haben. Dies ist aber nicht der Fall, nachdem die Antiimpfkampagne immer weiter um sich gegriffen hat. Glücklicherweise hat man sich in Deutschland jetzt entschlossen, für die Masern eine Impfpflicht einzuführen.

Eine der schlimmsten Komplikationen der Masern ist die Hirnhautentzündung. Sie kann zu schweren Hirnschäden und geistigen Behinderungen führen. Laut Robert-Koch-Institut tritt die sogenannte Masern-Enzephalitis in einem von tausend Fällen auf, und jede fünfte Erkrankung davon verläuft tödlich. Da besonders viele junge Erwachsene heute keinen ausreichenden Impfschutz mehr haben, kann eine Maserninfektion deshalb trotz hervorragender medizinischer Versorgung mit solch schwerwiegenden Komplikationen einhergehen. Da man mit der Impfung eine sehr wirksame Methode der Vorbeugung hat, ist im Prinzip jede einzelne Masernerkrankung eine zu viel. Die Masern könnten heute eigentlich bereits dauerhaft ausgerottet sein.

Kinderlähmung

Das gleiche gilt für die Kinderlähmung (Poliomyelitis). Der Name Kinderlähmung entstand deshalb, weil bis in die 1960er Jahre die Krankheit so verbreitet war, daß die Ansteckung meist vor dem fünften Lebensjahr erfolgte. Es können natürlich auch Erwachsene daran erkranken. Vor einigen Jahren war die Ausrottung der Kinderlähmung bereits zum Greifen nahe, jedoch wurden in einigen Ländern Gerüchte verbreitet, mit der Impfung würden Kinder heimlich sterilisiert, was zu einem deutlichen Rückgang der Impfdichte und einem örtlichen Wiederaufflammen der Erkrankung führte.

Quelle: Wikipedia/Julius Senegal

Die Polioviren greifen vor allem Teile der sogenannten grauen Rückenmarksubstanz an, was zu dauerhaften Lähmungen führt. Nach einer Infektion treten gewöhnlich schon nach wenigen Tagen erste Symptome auf, die einem leichten, grippalen Infekt mit geringem Fieber ähneln. Nach einer kurzen Zwischenruhe entwickelt sich in einigen Fällen ein zweiter Schub, typisch für den „biphasischen“ Verlauf von Polio. Erste Lähmungen treten nach zehn bis zwanzig Tagen auf, beginnend mit schlaffen Lähmungen in den Armen und Beinen, in seltenen Fällen kann auch die Atemmuskulatur betroffen sein. In den 1950er Jahre wurde dafür eine „Eiserne Lunge“ entwickelt, in der manche Kranke ihr ganzes Leben verbringen mußten.

Auf dem Höhepunkt der Polioepidemie in den 1950er Jahren wurde eine solche Eiserne Lunge konstruiert, mit der Patienten mit Atemlähmung überleben konnten. Quelle: Wikipedia

Die letzte große Poliowelle gab es in Deutschland 1960/61 mit 9000 registrierten Lähmungsfällen – das ist erst 60 Jahre her. Im darauf folgenden Jahr wurde die erfolgreiche Impfkampagne gestartet unter dem Motto „Schluckimpfung ist süß – Kinderlähmung ist grausam“. Zuletzt wurden 1992 Polioviren aus Ägypten und Indien eingeschleppt, nach weiteren Impfkampagnen konnte aber die europäische Region 2002 für poliofrei erklärt werden. Heute treten vor allem noch in Pakistan, Afghanistan und Nigeria Fälle von Kinderlähmung auf; in Pakistan gab es 2018 noch 33 Fälle, 2019 kamen 72 weitere Fälle hinzu. Doch auch in Europa gibt es seit 2002 immer wieder Infektionsherde, wie zum Beispiel zwei neue Fälle in der Ukraine im Jahre 2015. Die Kinderlähmung ist also ganz und gar nicht ausgerottet und kann jederzeit wieder ausbrechen: Viren kennen keine Grenzen.

Malaria

Eigentlich war die Malaria aufgrund einer systematischen Bekämpfung der Anopheles-Mücke schon in den frühen 1960er Jahren deutlich auf dem Rückzug, doch wegen der verlogenen Kampagne gegen DDT sterben heute jährlich wieder etwa 2,7 Mio. Menschen völlig sinnlos an dieser Parasitenkrankheit. Die meisten Opfer sind Kinder unter 5 Jahren und schwangere Frauen.

Mit DDT hatte man während des Zweiten Weltkriegs ein sicheres und völlig ungefährliches Mittel gefunden, um die Überträgermücke durch systematisches Aussprühen von Häusern in den betroffenen Gebieten in Afrika, Asien und Lateinamerika erfolgreich zu bekämpfen. Die Insekten mieden ein so behandeltes Haus danach für eine lange Zeit. Auch in Europa war Malaria ein lange nicht kontrollierbares Übel: 1918 gab es Ausbrüche in der Schweiz und Süddeutschland, und in Italien gab es noch 1945 411.602 Fälle – nach der DDT-Kampagne nur noch 37. Im damaligen Ceylon gab es 1946 noch 2,8 Mio. Fälle, 1963 nur noch 17.

In den von Malaria betroffenen Ländern Europas, den USA, in der Sowjetunion, China, Japan, Australien, Zypern und Israel ist die Malaria jetzt völlig ausgerottet.

Die DDT-Kampagne wurde aus politischen Gründen 1962 mit der massiven Verbreitung des „Sachbuches“ Der stumme Frühling von Rachel Carson abrupt gestoppt. Vordergründig dienten dazu verschiedene Umweltmärchen, doch in Wirklichkeit standen dahinter die eingangs erwähnten malthusianischen und strategischen Überlegungen der Bevölkerungskontrolle.

Alexander King, als hoher Beamter der OECD und zeitweiliger Präsident des Club of Rome einer der führenden Köpfe der britischen Elite, verfolgte ursprünglich den Plan, DDT im Zweiten Weltkrieg einzusetzen, um Soldaten zu retten, also „Kanonenfutter“ zu sparen, doch seine Begeisterung wandelte sich in Entsetzen, als er feststellte, daß das Mittel auch nach dem Krieg weiter verwendet wurde. 1990 erklärte er in seinem Buch Die Disziplin der Neugier:

„Bei mir meldeten sich erst Zweifel an, als man DDT auch im zivilen Leben einzusetzen begann. In Guyana gelang es damit in nur fast 2 Jahren, die Malaria restlos auszurotten. In der gleichen Zeit verdoppelte sich dort die Geburtenzahl. …Rückblickend werfe ich DDT hauptsächlich vor, daß es einen großen Beitrag zum Überbevölkerungsproblem geleistet hat.“

Malaria ist seit vielen Jahren wieder auf dem Vormarsch, und ist mittlerweile sogar noch stärker verbreitet als je zuvor.

Antibiotika und unser falsches Sicherheitsgefühl

Im April 2014 verbreitete die WHO einen alarmierenden Bericht über die Zunahme antibiotikaresistenter Keime. Das trifft zwar zu, aber eine entscheidende Aussage muß in diesem Zusammenhang hinzugefügt werden: Seit den 1980er Jahren ist es zu einem Stillstand der Antibiotikaforschung gekommen. Ein Grund dafür ist die fehlende Bereitschaft führender Pharmaunternehmen, die meinen, nach der heutigen finanziellen Gewinnorientierung rentiere sich diese Forschung nicht.

Der tiefere Grund für den Stillstand in der Antibiotikaforschung ist jedoch eine politische Entscheidung der oligarchischen Nullwachstumsbewegung, die die Bevölkerungskontrolle zu ihrem zentralen politischen Ziel erklärt hat.

Tatsächlich spitzt sich die Zunahme antibiotikaresistenter Keime dramatisch zu: Bereits aus 36 Ländern wurden Fälle gemeldet, in denen kein einziges Antibiotikum, selbst die sogenannten Reserveantibiotika, nicht mehr wirkten. Deshalb ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sich diese Resistenzen weltweit ausgebreitet haben, d. h. Bakterien dem Angriff der gegen sie eingesetzten Antibiotika „entkommen“. Dazu gehören vor allem Klebsiella pneumoniae, ein Keim, der vor allem bei Krankenhauspatienten tödliche Lungenentzündungen hervorrufen kann, E. coli-Bakterien, welche häufig auftretende Harnwegs-Infektionen hervorrufen, sowie der mehrfach resistente und gefürchtete Krankenhauskeim MRSA (methicillinresistenter Staphylococcus aureus).

Der WHO-Bericht beschäftigt sich zwar auch mit Medikamentenresistenzen im weiteren Sinne, etwa bei der HIV- und Malaria-Therapie, der Schwerpunkt lag aber bei den Antibiotika. WHO-Vizechef Keiji Fukuda sprach von der Gefahr einer „Post-Antibiotika-Ära“, in der gewöhnliche Infektionen und kleinere Verletzungen wieder ein Todesurteil bedeuten können, und warnte, solange es keine Änderung beim derzeitigen Einsatz von Antibiotika gebe, „wird die Welt dieses Hilfsmittel mehr und mehr verlieren. Die Folgen werden verheerend sein.“

Das Robert-Koch-Institut ist allerdings anders als die WHO der Auffassung, daß „… die weitere Verbreitung multiresistenter Erreger durch gezielte Maßnahmen der Krankenhaushygiene und durch eine auf die lokale Resistenzsituation abgestimmte Antibiotikatherapie wirksam begrenzt und verhindert werden kann“.

Die wirkliche Lösung liegt aber woanders: Die Grundlagenforschung muß massiv angekurbelt werden!

Um sich nicht die Waffen im Kampf gegen Krankheitserreger aus der Hand schlagen zu lassen, müssen ständig neue Antibiotikaklassen entwickelt werden, denn lebende Prozesse entwickeln sich weiter, also auch die Bakterien.

Die großen Pharmafirmen haben sich teilweise komplett aus der Antibiotikaforschung zurückgezogen. Begründung: Die Entwicklung eines neuen Antibiotikums koste mehrere Mio. Euro, was aus Kostengesichtspunkten „unrentabel“ sei, da neue Wirkstoffe meist nur als Reserveantibiotika und damit nur in geringen Mengen eingesetzt werden. Mit Medikamenten gegen chronische Leiden wie Rheuma läßt sich viel mehr Profit machen. Aus Kostengesichtspunkten wurde auch ein Großteil der Arzneimittelproduktion ins Ausland verlagert, vor allem nach Indien und China, wodurch wichtige Fähigkeiten im eigenen Land nicht mehr zur Verfügung stehen.

Dazu kommt, daß sich seit der Entdeckung der Antibiotika und der Steigerung des Lebensstandards in den Industrienationen ein trügerisches Sicherheitsgefühl eingestellt hat. Da die Zahl der Menschen, die an Infektionskrankheiten starben, drastisch zurückging, hielt man dies bereits für den „Sieg der Menschheit über ihre Geißeln“. 1969 erklärte sogar der ranghöchste Gesundheitsbeamte der USA vor dem Kongreß, es sei nun an der Zeit, „das Buch der Infektionskrankheiten zu schließen“ – ein Denken, das selbst der Spiegel 1999 (Nr. 16) als „einen der fatalsten Irrtümer dieses Jahrhunderts“ bezeichnete.

Viren: Helfer oder Feinde des Menschen?

Viren, diese winzigen Teilchen, die man gar nicht als Lebewesen bezeichnen kann, wurden erst 1931 mit Hilfe des von den deutschen Ingenieuren Ernst Ruska und Ernst Knoll entwickelten Elektronenmikroskops sichtbar gemacht, obwohl man schon lange derart winzige Erreger vermutet hatte. Heute wissen wir: Viren sind weit mehr als nur Erreger schrecklicher Seuchen oder eher lästiger Beeinträchtigungen wie dem Schnupfen. Sie sind äußerst raffinierte Überlebenskünstler und so alt wie das Leben selbst. Mit dem Menschen verbindet sie eine jahrmillionen alte Wechselbeziehung, die bis heute ihre Spuren in uns hinterlassen hat.

Erste Überlegungen, daß es besonders kleine „Bakterien“ geben müsse, wurden schon bei dem Auftreten der Maul- und Klauenseuche im 19. Jahrhundert angestellt, die wie ein Schreckgespenst auf landwirtschaftlichen Höfen umging. Rinder und Schweine starben zu Hunderttausenden, die Existenz der Bauern war bedroht. Der Mediziner Friedrich Loeffler, der sich damals vor allem mit bakteriellen Infektionen beschäftigte, vermutete bei seinen Untersuchungen Ende der 1890er Jahre zunächst, daß der Erreger der Maul- und Klauenseuche ein „partikuläres Agens, kleiner als ein Bakterium“ sein müsse. Im frühen 20. Jahrhundert wurden dann Dutzende weitere „virale“ Erreger als Auslöser diverser Infektionskrankheiten identifiziert.

Nach 1931 konnte man mit dem Elektronenmikroskop Viren genauer untersuchen und stellte bald fest, daß sie wohl die erfolgreichsten Kreaturen auf dieser Erde sind und als raffinierte Überlebenskünstler mit uns Menschen und allen Lebewesen in ständiger Wechselwirkung stehen.

Viren sind zehnfach häufiger als Bakterien und haben nur ca. ein Hundertstel der Größe eines Bakteriums. Der Erreger der Grippe ist zum Beispiel nur 0,12 tausendstel Millimeter groß. In jedem Kubikzentimeter Meerwasser sind zehn Millionen Viren enthalten, und ihre Gesamtzahl in den Ozeanen wird auf 1031 geschätzt. Auch die Vielfalt der Viren ist enorm: es gibt schätzungsweise 100 Millionen unterschiedliche Typen, sie kommen überall auf der Erde vor, wo es Leben gibt. Sie sind aber keine eigenständigen Lebewesen, sondern bestehen lediglich aus einem Stück Erbsubstanz, das von einer Eiweißhülle umgeben ist, weswegen sie immer einen „Wirt“ finden müssen, in dem sie sich vermehren können – zum Beispiel die Schleimhautzellen insbesondere im Nasen-Rachen-Raum des Menschen oder von Tieren. Beim Niesen oder Husten werden sie mit den Speicheltröpfchen weit hinausgeschleudert und erreichen neue Opfer. Zu ihnen gehören alle Grippeviren, auch die Coronaviren ebenso wie die Erreger von Schnupfen, Pocken, Masern, Röteln oder Herpes. Es gibt Viren, die Darmzellen infizieren und mit dem Kot ausgeschieden werden, manche werden von tierischen Helfern, Mücken oder Zecken, zum nächsten Wirt befördert, andere wiederum finden sich in verschiedenen Körperflüssigkeiten wie Blut oder Sperma, so auch der HIV/AIDS-Erreger.

Wenn ein Virus in den Körper gelangt ist, muß es eine passende Zelle finden, denn auf seiner Proteinhülle besitzt es spezielle Zucker-Eiweiß-Moleküle, die zu bestimmten Zellstrukturen auf der Oberfläche der Wirtszelle wie ein Schlüssel ins Schloß passen. Das Virus heftet sich genau an diese Stellen an und dringt in die Zelle ein, wo es dann Schritt für Schritt die Wirtszelle umzuprogrammieren beginnt, um massenhaft Kopien der eigenen Erbsubstanz und der viralen Hüllproteine zu produzieren. Diese fügen sich zu neuen Viren zusammen, wodurch jedoch die Wirtszelle abstirbt und bei ihrer Auflösung Tausende von Tochterviren in die Umgebung entläßt, die jetzt auf die gleiche Weise weitere Zellen „übernehmen“ und zerstören. Viren sind somit Parasiten, die den Stoffwechsel ihrer Wirtszellen manipulieren, um sich selbst zu vermehren. Man vermutet, daß sie schon vor mehr als 3,5 Mrd. Jahren mit dem Beginn des Lebens selbst entstanden sind, da sie in allen Lebewesen vorkommen.

Diagramm, wie ein Influenzavirus in die Zelle eindringt und sich vermehrt. Quelle: Wikipedia/YK Times

Als im Jahr 2003 Molekulargenetiker erstmals die Buchstabenfolge des kompletten menschlichen Genoms entzifferten und die Erbsubstanz genauer analysierten, war die Verwunderung groß, denn man entdeckte, daß mehr als acht Prozent der menschlichen Erbsubstanz offensichtlich von Viren abstammt. Eine besonders raffinierte Vorgehensweise haben dabei die sogenannten Retroviren entwickelt; sie können nämlich die Zelle dazu bringen, Kopien der Virus-Erbsubstanz in Form von DNA herzustellen und diese in die DNA des Zellkerns einzubauen. Die Viren sind dann sozusagen getarnt und werden nicht vom Immunsystem des Wirtes angegriffen. Sie schlummern unerkannt und gut geschützt, doch bei jeder Zellteilung verdoppelt die Zelle mit der eigenen auch die Viren-Erbsubstanz und gibt sie an die Tochterzelle weiter.

Retroviren werden heute von Wissenschaftlern in der Gentherapie eingesetzt, um anderes genetisches Material, das in die Viruspartikel verpackt wurde, ins Wirtsgenom einzuschleusen (die sogenannte Transduktion). Ein Risiko der Gentherapie stellt bisher aber die ungerichtete Integration ins Genom dar, es können auch inaktive Wachstumsgene reaktiviert werden, was unkontrolliertes Zellwachstum auslösen und zur Tumorbildung führen kann. Es wurden deshalb wiederholt Leukämie-Erkrankungen als Folge einer Gentherapie mit veränderten Blutstammzellen beobachtet.

Es gibt aber viele Erbkrankheiten, für die diese Methode zumindest ein Hoffnungsschimmer darstellt. Der erste Einsatz einer Gentherapie erfolgte 1990 zur Behandlung einer durch ein defektes Gen ausgelöste angeborene Immunschwäche. Mittels Retroviren wurde eine gesunde Version des Gens in die Blutzellen der Patientin eingebracht, und nach der Gabe der so veränderten Blutzellen verbesserte sich der Zustand der Patientin. In Deutschland gibt es seitdem viele klinische Studien zu Gentherapie-Anwendungen mit Retroviren. Im Prinzip können aus Krankheitserregern also auch nützliche Helfer werden.

Für eine „Gesundheits-Seidenstraße“

Der einzige Ausweg aus der Gesundheitsmisere weltweit ist ein großangelegtes wirtschaftliches Aufbauprogramm, das schon in den 1980er Jahren von Lyndon LaRouche als „Eurasische Landbrücke“ bezeichnet wurde. China spricht heute von der „Neuen Seidenstraße“ bzw. dem „Ein-Gürtel-eine-Straße-Projekt“. Darüber hinaus brauchen wir eine „Gesundheits-Seidenstraße“ für alle Länder dieser Erde. In einem Papier mit dem Titel „Bekämpfung von Epidemien von Infektionskrankheiten durch Chinas ,Belt & Road‘-Initiative“ schrieben die Fachautoren Jin Chen und Robert Bergqvist 2016:

„Der 2016 verkündete Plan ,Gesundes China 2030’ betrachtet Gesundheit als eine der nationalen politischen Prioritäten, und die 2017 unterzeichnete Absichtserklärung mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) fördert die globale Gesundheitssicherheit und Entwicklung im Rahmen der Initiative. Auf der Grundlage dieser Vereinbarungen ist der Bau einer Gesundheits-Seidenstraße zu einer Kernaufgabe geworden, die zu einem umfassenden Engagement in der globalen Gesundheitsentwicklung führt.“

Um das zu schaffen, ist starker politischer Wille und ein positives Menschenbild erforderlich. Spätestens in der Coronakrise haben die Menschen wieder gemerkt, daß ohne Gesundheit der ganze Staat auseinanderbrechen kann. Dabei zeigten sich nicht nur zielgerichtete, sondern auch ganz bedenkliche, verachtungswürdige Einstellungen. Während man sich in vielen Ländern an den von China angewandten Seuchenbekämpfungsmethoden orientierte, überließ man in manchen anderen Ländern die Menschen einfach ihrem Schicksal.

In Schweden wurden die Bürger lediglich aufgefordert, auf meist freiwilliger Basis soziale Distanzierung zu praktizieren – mit entsprechenden dramatischen Folgen. Ganz unverblümt formulierte diese Einstellung der stellv. Herausgeber und Finanzkolumnist des Daily Telegraph, Jeremy Warner, in einer Kolumne am 3. März 2020:

„Um es weniger schön zu sagen, aus einer völlig neutralen wirtschaftlichen Perspektive betrachtet könnte sich COVID-19 langfristig sogar als etwas vorteilhaft erweisen, indem es unverhältnismäßig viele ältere Mittelempfänger tötet.“

Dieses erschreckende Menschenbild ist leider heute allgegenwärtig. Es entspringt bei vielen Menschen einer reinen Existenzangst, da das heutige Wirtschaftssystem immer mehr unserer Lebensgrundlage untergräbt – und das seit über 30 Jahren.

An jedem Kind läßt sich aber entdecken, wie wertvoll jeder Mensch ist: ein sprudelnder Quell ständig neuer Ideen und nicht nur ein „Kostenfaktor“. China hat sich wieder an das konfuzianische Prinzip der Menschenwürde erinnert, und es wird von Präsident Xi Jinping immer in den Mittelpunkt seiner Politik der Neuen Seidenstraße gestellt. Auch wir in Europa sollten uns dem anschließen. Die großen Ideen unserer Geschichte, des Christentums, der Renaissance müssen wieder zum Leben erweckt werden und die Politik bestimmen. Oder wie Friedrich Schiller sagte:

„Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben,
Bewahret sie! Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben!“

In dem Sinne hat das Schiller-Institut vor kurzem ein Programm für einen weltweiten Wirtschaftsaufbau nach der Coronakrise erarbeitet: „Die Welt braucht 1,5 Milliarden neue, produktive Arbeitsplätze – Der LaRouche-Plan zur Wiederbelebung der US- und Weltwirtschaft“.1

Fußnote(n)
  1. https://solidaritaet.com/neuesol/2020/23/laroucheplan1.htm[]

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