Ein Plädoyer an die Vernunft in Corona-Zeiten

Die Menschen haben seit jeher Versuche unternommen, Krankheiten zu verhindern und zu behandeln. Die historischen Maßnahmen reichen von religiösem Bittgebet, Dämonenaustreibung und pflanzlichen Heilmitteln bis hin zu grundlegenden Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit wie Körperpflege, sauberem Wasser, gesunder Ernährung und sicheren Arbeitsbedingungen. Uralt ist dabei auch die Idee, Immunität gegen eine bestimmte Krankheit durch die Exposition mit einer milden Form der Krankheit zu erreichen. Versuche dieser Art gehen mindestens auf das zweite Jahrhundert v. Chr. zurück. Es gibt Hinweise darauf, daß die Chinesen damals die Menschen gegen Pocken immun machten, indem sie sie kleinen Mengen des Schorfes aussetzten, der über den Pockenpusteln auf der Haut entsteht. Der chinesische Kaiser K’ang, dessen Herrschaft 1661 begann, nachdem er seinen Vater durch Pocken verloren hatte, dokumentierte seine eigenen Erfahrungen mit dieser Art Impfstoffbehandlung. Der Begriff „Impfstoff“ bezieht sich somit auf biologische Wirkstoffe, die eine aktive Immunität gegen eine bestimmte Infektionskrankheit erzeugen. Caroline Hartmann hat in ihrem Artikel „Die Geschichte der Seuchenbekämpfung – ein Wettlauf mit dem Tod“ in diesem Heft das immer größere Wissen um Heilmethoden genauer dargestellt, das sich heute auch auf die Covid-19-Pandemie anwenden ließe.

Heute sind im Grunde alle Pläne zur Verbesserung der Gesundheit zum Scheitern verurteilt, wenn sie nicht auf die Stärkung und Verbesserung des Immunsystems der Weltbevölkerung insgesamt abzielen. Impfstoffe sind dabei eindeutig eine entscheidende globale Errungenschaft. Neben einer sanitären Grundversorgung aller Menschen mit sauberem Trinkwasser und dem Zugang zu einer billigen, sicheren und effizienten Energieversorgung sowie einer hochwertigen Ernährung sind Impf- und Immunisierungsprogramme ein entscheidender Faktor der „präventiven“ Medizin, um die Menschen vor gefährlichen Seuchen zu schützen. Ähnlich wie Masken in der jetzigen Coronapandemie in erster Linie nicht die Menschen schützen, die sie tragen, sondern die Mitmenschen, schaffen Impfstoffe neben dem Eigenschutz eine kollektive Immunität, die diejenigen schützt, die wegen anderer Gebrechen nicht geimpft werden können.

Mythen entgegenwirken

Sobald ein hoher Impfgrad gegen eine bestimmte Krankheit erreicht ist, sinkt das Risiko für die Nichtgeimpften dramatisch – ein entscheidender Vorteil in einer Welt, in der aufgrund der massiven Zunahme der Mobilität und der hohen Bevölkerungsdichte potentiell alle Menschen auf der Welt dem gleichen Risiko ausgesetzt sind.
In den entwickelten Ländern haben leider mehrere Faktoren die Zustimmung und Beteiligung an öffentlichen Gesundheitsmaßnahmen gefährlich abgesenkt:

  • Die Selbstverständlichkeit einer hohen Gesundheitsversorgung hat in den Köpfen der jüngeren Generationen die gefährliche Illusion einer „Null-Risiko“. und damit einer „Null-Verantwortungs“.Gesellschaft geschaffen. Wenn niemand mehr Kinder mit Polio oder Diphtherie sieht, aber gleichzeitig Artikel über die vermeintlichen Gefahren von Impfungen zirkulieren, sinkt das Verständnis über den Wert von Schutzimpfungen.
  • Immer weniger Ärzte und Krankenschwestern sind im öffentlichen Gesundheitswesen tätig, so daß in Schulen, am Arbeitsplatz, bei der Musterung zum Wehrdienst Gelegenheiten wegfallen, an denen früher Menschen kollektiv geimpft wurden.
  • Hedonistische und liberale Ideologien haben sich ausgebreitet, bei denen individuelle Freiheiten, insbesondere das Recht, über den eigenen Körper zu verfügen (Drogenkonsum, Abtreibung, Wahl des Geschlechts usw.), Vorrang haben vor sinnvollen gesellschaftlichen Regeln.
  • Ein sinkendes Bildungsniveau und die massive Verbreitung von fake news über das Internet und die sozialen Medien haben die Glaubwürdigkeit medizinischer und wissenschaftlicher Erkenntnisse in Frage gestellt.

Heute liefert eine schnelle Suche im Internet mit dem Stichwort „Impfstoffrisiken“ fünfmal mehr Antworten als für „Impfstoffvorteile“. Zum Beispiel wird die Tatsache, daß in einigen Impfstoffen Aluminium enthalten ist, als dramatischer „Beweis“ für ein großes Risiko gewertet. Tatsächlich dient die kleine Menge Aluminium im Impfstoff dazu, die Immunreaktion zu verbessern und ihn sicher und effizient zu machen. Gewöhnlich erhalten Babys in den ersten sechs Lebensmonaten mehr Aluminium aus der Muttermilch als aus Impfstoffen, doch dieses wird schnell aus dem Körper wieder ausgeschieden.

Derartige Angstkampagnen haben in einigen Ländern bereits zu einem Rückgang der Durchimpfungsrate geführt, was zum Beispiel das Wiederauftreten von hochansteckenden Infektionskrankheiten wie Keuchhusten (Pertussis) und Masern zur Folge hatte.

Der Nutzen von Impfstoffen

Die Propaganda von Impfstoffgegnern ist bereits seit der Zeit von Edward Jenner und davor ein Problem. Im Grunde sprechen die „harten Fakten“ eine eigene Sprache, um alle Vorbehalte auszuräumen.
Impfstoffe sind eine der größten Erfolgsgeschichten der modernen Medizin. Die WHO schätzt, daß dank der weltweit durchgeführten Impfungen zwischen 2010 und 2015 mindestens 10 Millionen Todesfälle verhindert werden konnten. Viele Millionen weitere Leben wurden vor Leid und Behinderungen geschützt, die mit Krankheiten wie Lungenentzündung, Durchfall, Keuchhusten, Masern und Polio einhergehen.

Die Pocken wurden 1979 weltweit ausgerottet, was eine globale Einsparung von 2 Milliarden Dollar bewirkte. Dank enormer Impfanstrengungen konnte die Zahl der Poliomyelitis-Fälle massiv gesenkt werden: 1988 gab es noch 350.000 Fälle in 125 Ländern, im Jahr 2018 nur noch 33 bestätigte Fälle, 2019 aber wieder 175 Fälle, vor allem in Pakistan und Afghanistan.

Es gibt heute wirksame Impfstoffe, die potentiell zur Prävention von 25 Krankheiten beitragen können, doch dieses Potential wird weltweit keineswegs ausgeschöpft. Ein Kind in einem Entwicklungsland hat heute immer noch eine mehr als zehnmal höhere Wahrscheinlichkeit, an einer durch Impfung vermeidbaren Krankheit zu sterben, als ein Kind in einem Industrieland.

Natürlich muß unterstrichen werden, daß Impfungen keinen kompletten Schutz bieten können. Geimpfte Personen können erkranken, doch in der Regel ist der Verlauf milder als bei nicht geimpften Personen. Und selbst bei umfangreichen Testphasen im Vorfeld der Zulassung eines Impfstoffs sind Impfschäden im Einzelfall nicht ganz auszuschließen, wofür dann der Staat aufkommen muß.

Doch das kann nicht ernsthaft ein Argument gegen großangelegte Immunisierungsprogramme sein, wie sie letztlich zur Ausrottung der Pocken geführt haben.

Zur Überwindung von Covid-19 ist ein wirksamer, sicherer Impfstoff unverzichtbar. Es bleibt abzuwarten, welcher der 155 Impfstoffkandidaten am Ende einen wirklichen Schutz bieten wird.

Aber wir brauchen weitaus mehr als nur einen Impfstoff, denn durch die Corona-Pandemie ist das Gefüge der Weltwirtschaft in einem Maße erschüttert worden, wie es sich die meisten nicht haben vorstellen können. Jedem denkenden Menschen dürfte klar sein, daß die Wiederherstellung dieses Gefüges von global verknüpften Verkehrswegen und Produktionsketten eine internationale Zusammenarbeit geradezu herausfordert. Die Lage zwingt uns, einen ganz neuen Blick auf das Thema „Wirtschaftsentwicklung“ in die Zukunft zu richten. Denn um die Pandemie unter Kontrolle zu bringen, brauchen wir die Verfügbarkeit von sehr viel mehr Energie, sehr viel mehr Wasser, sehr viel mehr Nahrungsmitteln und eine Modernisierung unserer Verkehrswege und auch der Bildungseinrichtungen. Auf der Grundlage kann jedes Land auf der Welt ein funktionierendes Gesundheitswesen auf modernstem Stand aufbauen

Somit bietet die Corona-Krise die Chance, ein ganz neues Paradigma der Wirtschaftsentwicklung und der weltweiten Zusammenarbeit zu verwirklichen, wie es Lyndon LaRouche in seinem Aufsatz in diesem Heft bereits in den 1990er Jahren entworfen hat.

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