Nach fast 40 Jahren Stillstand rückt die Frage der Entwicklung der Kernfusionsenergie wieder in den Fokus der Öffentlichkeit – in Europa, in den USA, aber vor allem in China. Seit Mitte der 1970er Jahre hatte sich in den USA die vom Ökonomen und Staatsmann Lyndon LaRouche mitbegründete Fusion Energy Foundation für die Kernfusion eingesetzt, und 1980 wurde der Magnetic Fusion Engineering Act von dem US-Abgeordneten Mike McCormack aus dem Bundesstaat Washington im Kongress eingebracht, mit dem Ziel, ein dem Apollo-Programm vergleichbarer Projekt zur Realisierung der Fusion in Gang zu setzen. Das Gesetz wurde von beiden Kammern des Kongresses verabschiedet und von Präsident Jimmy Carter unterzeichnet. Doch der Kongress weigerte sich anschließend, das Gesetz zu finanzieren (was etwa 1 Milliarde Dollar pro Jahr für 20 Jahre erfordert hätte), und setzte stattdessen auf die „Privatisierung“ der Forschung, was das Gesetz im Sande verlaufen ließ. Die kürzliche Einrichtung eines Amtes für Fusionsenergiewissenschaften im US-Energieministerium und eine im Oktober 2025 erschienene „Roadmap für Fusionswissenschaft und -technologie“ haben in den Vereinigten Staaten jetzt aber erneut das Interesse an einer potenziell revolutionären und nahezu unerschöpflichen Energiequelle für die Menschheit geweckt.
Die Anfänge der Fusion in China
Andere Länder haben die Fusion jedoch nicht so lange vernachlässigt. Die Sowjetunion, die von Anbeginn in der Fusion führend war, begann bereits in den 1970er Jahren mit der Volksrepublik China zusammenzuarbeiten, die sich nach einer langen Phase politischer Zwistigkeiten gerade erst wieder neu zu orientieren begann.
1973 richtete das chinesische Institut für Physik ein Programm zur Erforschung der magnetischen Fusion in der Stadt Hefei ein. Das Institut für Physik und das Institut für Elektrotechnik der Academica Sinica bauten 1974 in Peking ihre erste Tokamak-Anlage. Dieser kleine Tokamak bildete die Grundlage für die gesamte weitere Entwicklung – noch vor der Ankündigung der neuen „Reform- und Öffnungspolitik“ durch Deng Xiaoping im Jahr 1977, mit der China einen Kurs der realwirtschaftlichen Entwicklung einschlug.
Zwar litt das chinesische Fusionsprogramm in dieser Zeit unter großem Finanzmangel, doch die Zusammenarbeit mit Russland und Frankreich ermöglichte den Aufbau eines wissenschaftlichen Forschungskaders und ließ wichtige Erkenntnisse der Plasmaphysik entstehen, die die Grundlage der Fusion bildet. Im Jahr 1990 erhielt China vom Kurtschatow-Institut in Moskau seinen ersten supraleitenden Tokamak, den HT-7. Das Gerät wurde nach dem Transport in einer eigens dafür eingerichteten Werkstatt wieder zusammengebaut, und erste Experimente begannen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kamen außerdem viele Wissenschaftler aus Russland nach China, um an dem Projekt mitzuarbeiten. Auch gab es eine Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten, bis dort Mitte der 1980er Jahre die Mittel für die Fusion immer weiter zusammengestrichen wurden.
Im Jahr 1997 beschloss China den Bau des „Experimental Advanced Superconducting Tokamak“ (EAST), des weltweit ersten vollständig supraleitenden Tokamaks. EAST wird häufig als Chinas „künstliche Sonne“ bezeichnet, obwohl dieser Begriff eher für das gesamte Fusionsprogramm verwendet wird, das sich ausgehend vom EAST-Reaktor rasch weiterentwickelt.
Nachdem sich in den letzten Jahren die politische Lage für China aufgrund der neuen US-Zölle und anderer Beschränkungen verschärft hat, sind von der chinesischen Regierung grössere Anstrengungen unternommen worden, um Fortschritte in den Bereichen Wissenschaft und Technologie zu erzielen und so wichtige Elemente ihrer Lieferkette vor plötzlichen Unterbrechungen durch den Westen zu schützen. Während China seinerseits die internationale Zusammenarbeit in all diesen Bereichen aufrechterhält und fördert, ist der Westen gegenüber China immer restriktiver geworden. Mit dem im letzten Jahr beschlossenen 15. Fünfjahresplan zeigt sich die chinesische Regierung entschlossen, sogenannte „disruptive Technologien“ voranzutreiben, d. h. innovative Technologien, die ganz neue Fortschrittsperspektiven eröffnen. In dem Zusammenhang steht die Entwicklung der Fusionsenergie bis zum Jahr 2030 in China ganz oben auf der Agenda. Eine Maßnahme war die Gründung der „China Fusion Energy Company“ (SCEC) innerhalb der „China National Nuclear Corporation“ (CNNC) im Juli 2025.

EAST hat im Januar 2025 einen ersten Rekord aufgestellt, als über 17 Minuten lang ein hoch erhitztes Plasma aufrechterhalten – eine Verdreifachung des bisherigen Weltrekords – und eine Temperatur von 100 Millionen Grad Celsius erreicht wurde. Im Januar 2026 brach EAST dann den Rekord für die Aufrechterhaltung der Plasmadichte bei hohen Temperaturen.
EAST ist jedoch bei weitem nicht das letzte Wort im chinesischen Fusionsprogramm. China hat bereits mit dem Bau des „Burning Plasma Experimental Superconducting Tokamak“ (BEST) begonnen. Während EAST in erster Linie ein Gerät zum Erhitzen des Plasmas ist, zielt BEST darauf ab, Nettoenergie mit dem Ziel einer fünfmal höheren Energieausbeute (Q = 5) zu erzeugen. Während EAST Deuterium als Brennstoff verwendet, soll bei BEST eine sich selbst erhaltende Deuterium-Tritium-Verbrennung stattfinden. BEST ist außerdem deutlich grösser und schwerer als EAST und gilt als Zwischenschritt auf dem Weg zum „China Fusion Engineering Test Reactor“ (CFETR), dem Eckpfeiler der chinesischen Fusions-Roadmap. Beim CFETR liegt der Schwerpunkt auf einem hohen Neutronenfluss und einer für die kommerzielle Rentabilität erforderlichen Dauerleistung. BEST integriert außerdem fortschrittlichere Supraleitungstechnologien, um deutlich höhere magnetische Belastungen als sein Vorgänger zu erlauben.
Ein dynamischer Effekt auf die gesamte Wirtschaft
Parallel zu den Fortschritten in der Fusionstechnologie hat China auch in verwandten Bereichen wie der Supraleitungstechnologie und der Entwicklung neuer Materialien große Fortschritte gemacht. So hat China beispielsweise den „Superstahl“ names „CHSNO1“ entwickelt, eine neue, hochleistungsfähige Stahllegierung für Fusionsreaktoren, die extremen Bedingungen wie Kälte, Druck und starken Magnetfeldern standhält. Darüber hinaus wurden Hochtemperatur-Supraleiterbänder entwickelt, mit denen kompaktere, leistungsfähigere und kostengünstigere Elektromagnete hergestellt werden können.
China wird in BEST auch die Fortschritte im Bereich der Künstlichen Intelligenz einsetzen, um die Echtzeitsteuerung, -überwachung und -sicherheit von Fusionsreaktionen zu gewährleisten. Mit diesen KI-Modellen lässt sich das Verhalten wichtiger Parameter wie Stromstärke und Plasmaform genau voraussagen, um entsprechende Anpassungen des Plasmas im Millisekundenbereich vorzunehmen.
China baut außerdem ein neues Forschungszentrum für Fusionstechnologie (CRAFT), einen 40 Hektar großen Komplex in der Nähe von EAST in Hefei, wo Materialien, Komponenten und Robotik für zukünftige Fusionskraftwerke entwickelt werden sollen. Die Ergebnisse von EAST und CRAFT werden dann in den Bau des „China Fusion Engineering Test Reactor“ (CFETR) einfließen, der als wichtige Brücke zwischen experimenteller und kommerzieller Fusionsenergie konzipiert ist. Er wird in seiner baulichen Grösse dem internationalen ITER-Fusionsprojekt in Frankreich ähneln, jedoch für Dauerleistung optimiert sein. Seine Funktionsweise ist in zwei Phasen vorgesehen: Zunächst soll in einer technischen Demonstration eine Fusionsleistung von 200 MW erzeugt und eine „Tritium-Selbstversorgung“ erreicht werden, so dass der Reaktor seinen eigenen Brennstoff erzeugt. Anschließend soll die Leistung auf 1000 MW gesteigert werden, was der Leistung eines Kernspaltungsreaktors entspricht.
Die chinesischen Forscher, wie die meisten Verantwortlichen der internationalen Fusionsgemeinschaft, konzentrieren sich zwar auf den Tokamak als „Arbeitstier“ der Fusionsentwicklung, vernachlässigen aber gleichzeitig andere Wege der Fusionserzeugung nicht. Es finden in China umfangreiche Experimente sowohl im Bereich der lasergestützten Trägheitsfusion als auch der Z-Pinch-Magnetfusion statt. Derzeit wird in Mianyang, Sichuan, eine Anlage errichtet, von der Wissenschaftler aufgrund ihrer X-Form vermuten, dass sie entweder für Laser- oder Z-Pinch-Einschlussexperimente vorgesehen ist, obwohl die Chinesen wenig über ihre Funktion verlauten lassen.

China entwickelt in Hefei außerdem einen Fusion-Fission-Hybridreaktor namens „Xinghuo“ (dt.: Funke), der bis 2030 ans Netz gehen soll. Im Xinghuo werden hochenergetische Neutronen aus der Fusion verwendet, um die Kernspaltung auszulösen, wodurch die Energieausbeute gesteigert und radioaktiver Abfall reduziert werden kann.
Auch im Bereich der Supraleitung hat China bedeutende Fortschritte erzielt. Im September 2025 wurde mit einem supraleitenden Magnetfeld von 323.500 Gauss – 700.000 Mal stärker als das Magnetfeld der Erde – ein Rekord aufgestellt. Dieser Durchbruch dürfte erhebliche Auswirkungen auf die Fusionforschung, den Antrieb von Weltraumfahrzeugen und die Magnetresonanzspektrometrie haben, die in der Medizin weit verbreitet ist.
Die Finanzierung der Fusionsforschung in China ist nahezu exponentiell angestiegen, von anfänglich nur wenigen Milliarden Dollar auf heute insgesamt 10 Milliarden Dollar. Das Programm profitiert stark von der großen Bedeutung, die der MINT-Ausbildung in China beigemessen wird, also den Schulfächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. China verfügt über rund 19 Millionen Wissenschaftler und Ingenieure. Jedes Jahr machen etwa 5 Millionen ihren Abschluss.
Darüber hinaus hat die Offenheit des chinesischen Fusionsprogramms – und sein offensichtlicher Erfolg – dazu geführt, dass viele Wissenschaftler aus aller Welt nach China kommen, um dort zu arbeiten.
Wann bringt die Fusion die erste Glühlampe zum Leuchten?
Inzwischen ist ein Wettlauf darum entbrannt, wer mit Fusionsenergie „die erste Glühbirne zum Leuchten bringen“ kann. Die Chancen stehen hier gut für China. Das Problem ist jedoch, wie deutlich gesagt werden muss, dass der Wettlauf um die Fusion kein „Sprint“, sondern ein „Marathon“ ist. In dieser Hinsicht ist China gut aufgestellt. Europa und Vereinigten Staaten hingegen haben noch viel Arbeit vor sich. Der Westen muss sich wieder auf eine Politik besinnen, in der die Regierungen und nicht private Unternehmer die entscheidende Rolle spielen, und große Anstrengungen wie das Manhattan-Projekt unternommen werden, um die Fusion zu entwickeln – nicht um „ein Rennen zu gewinnen“, sondern zum Wohle der Menschen. Und wir sollten dies in Zusammenarbeit mit unseren „Rivalen“ tun, die bei der Entwicklung der Fusion so große Fortschritte gemacht haben, und ihre Errungenschaften nutzen, um unser eigenes Programm voranzutreiben. Es waren vor allem die Vereinigten Staaten, die die „Mauer“ von Beschränkungen in der Wissenschaft errichtet haben, nicht China und nicht Russland, die für die Zusammenarbeit im Bereich der Fusion und anderen Bereichen der Hochtechnologie offen geblieben sind.
