Der Raumfahrtsektor muss als einer der wichtigsten Motoren für Wissenschaft und Technologie eine führende Rolle in Deutschlands Struktur- und Konjunkturprogramm zur Wiederbelebung der Volkswirtschaft vor allem im Hochtechnologiesektor spielen. Der vorliegende Bericht bietet einen vorläufigen Überblick über die deutschen Kompetenzen und das Engagement in Schlüsselprojekten, die Rolle des Sektors als wichtiger Wachstumsmotor sowie das Potenzial zur Markterweiterung durch Zusammenarbeit mit internationalen Partnern außerhalb Europas – wie Indien, den Entwicklungsländern des Globalen Südens und natürlich den führenden Weltraumnationen Russland, China und den Vereinigten Staaten.

Verwirklichung autonomer bemannter Raumfahrt
Der anspruchsvollste Meilenstein für die deutsche und europäische Raumfahrtindustrie ist die Entwicklung einer Fähigkeit zur autonomen bemannten Raumfahrt, also der eigenständigen Fähigkeit, gesamte Weltraummissionen ohne das Zutun externer Player zu verwirklichen – ein Ziel, das längst überfällig ist. Die ESA hat sich das Jahr 2040 als Frist für die Erreichung dieses Ziels gesetzt. Ebenfalls vorgesehen ist eine von Europa geführte Raumstation. Derzeit tragen die erheblichen Kapazitäten Europas und Deutschlands in erster Linie zu den Bemühungen anderer Nationen, darunter der Vereinigten Staaten, im Bereich der bemannten Raumfahrt bei. Zwar ist internationale Zusammenarbeit unerlässlich, um wissenschaftlich-technologische Forschung zu bündeln und zu finanzieren, doch macht ein Mangel an eigenständigen Kapazitäten Europa anfällig für externe strategische Veränderungen, wie beispielsweise die Überarbeitungen des amerikanischen Artemis-Programms im Februar 2026.
In einem Gastbeitrag vom Mai 2026 argumentierte ESA-Generaldirektor Josef Aschbacher, dass eine eigenständige europäische Fähigkeit zur bemannten Raumfahrt „ein notwendiger Anker für Europa ist, um seine Freiheit zu sichern, die wissenschaftlichen, wirtschaftlichen, strategischen und geopolitischen Vorteile des Weltraums zu erschließen und eine neue Generation zu inspirieren, die Zukunft Europas zu gestalten“. Während erste Beschlüsse in den zuständigen ESA-Gremien gefasst wurden, betonte Aschbacher die entscheidende Notwendigkeit des „politischen Willens“, diese umzusetzen. Er hat wiederholt darauf hingewiesen, dass jeder in den Weltraumsektor investierte Euro schätzungsweise sieben Euro an wirtschaftlichen Erträgen erbringt.
Die Beherrschung der bemannten Raumfahrt erfordert den Aufbau fortschrittlicher technologischer und industrieller Kapazitäten sowie der Infrastruktur für Missionen in den Weltraum. Die für Januar 2031 geplante Stilllegung der Internationalen Raumstation (ISS) hat die ESA und deutsche Entscheidungsträger dazu veranlasst, ernsthaft über die Errichtung einer von Europa geführten Raumstation nachzudenken. Diese Plattform würde nicht nur der Forschung in der erdnahen Umlaufbahn dienen, sondern auch als wichtige Zwischenstation für künftige Mond-, Mars- und interplanetare Missionen fungieren.
Die deutsche Raumfahrtindustrie entwickelt bereits Konzepte für robotergesteuerte Weltraumfabriken, die für den Bau großer Satelliten und komplexer Strukturen in der Umlaufbahn ausgelegt sind. Diese erfordern hochinnovative Serienfertigungsverfahren. Der umfangreiche Maschinenpark und die fortschrittlichen Fertigungstechniken der deutschen Automobilindustrie könnten einen entscheidenden Beitrag zu diesem Übergang von der terrestrischen zur extraterrestrischen Fertigung und zum Transport leisten.
Die europäische Luft- und Raumfahrtindustrie ist bestens gerüstet, um sich der Herausforderung des „extraterrestrischen Imperativs“ der Menschheit zu stellen. Wie ESA-Direktor Aschbacher warnte, lautet die entscheidende Frage, ob die europäischen und deutschen Politiker den politischen Willen besitzen, diese Vision zu finanzieren und zu unterstützen.
Ausgleich zwischen ziviler Expansion und Verteidigungsprioritäten
Eine große strategische Herausforderung für die Zukunft ist das Bestreben innerhalb der Europäischen Union, neben den zivilen auch die militärischen Weltraumfähigkeiten auszubauen. Im Februar 2026 kündigte Generalmajor Michael Traut, Kommandeur des Deutschen Weltraumkommandos, an, Deutschland beabsichtige, 35 Milliarden Euro in die militärische Weltrauminfrastruktur zu investieren. Dazu gehören Aufklärungssatelliten, weltraumgestützte Lasersysteme und eine verschlüsselte Konstellation von mehr als 100 Kommunikationssatelliten.
Es besteht die Gefahr, dass dieses umfangreiche militärische Programm im niedrigen Erdorbit (LEO) qualifizierte Ingenieure und materielle Ressourcen von hochproduktiven zivilen Wirtschaftssektoren abziehen könnte. Da die meisten führenden Luft- und Raumfahrtunternehmen sowohl im zivilen als auch im Verteidigungsbereich tätig sind, wird es entscheidend sein, diese konkurrierenden Prioritäten miteinander in Einklang zu bringen.
Dieser weitere Überblick konzentriert sich auf zivile Fähigkeiten zur Verwirklichung des „extraterrestrischen Imperativs“ und zur Förderung der globalen wirtschaftlichen Entwicklung. Er stellt fest, dass die strategische Zusammenarbeit mit den expandierenden BRICS-Staaten – darunter Indien, Brasilien, Südafrika und Ägypten – ein immenses Potential birgt. Von besonderer Bedeutung ist der Ausbau der Partnerschaft mit afrikanischen Nationen und Organisationen. Die Entwicklung der afrikanischen Weltraumressourcen und -infrastruktur bietet einen direkten Markt für den deutschen Raumfahrtsektor. Im weiteren Sinne wird die Unterstützung einer nachhaltigen, hochtechnologischen industriellen Entwicklung auf dem gesamten afrikanischen Kontinent die kollektiven materiellen und wissenschaftlichen Kapazitäten schaffen, die erforderlich sind, um den Weltraum als nächste Expansionsoption der Menschheit zu erschließen.
Raumfahrtsektor: Schnelles Beschäftigungswachstum
Deutschland und der gesamte europäische Kontinent verfügen über ein vollständiges Ökosystem, das alle Aspekte der Raumfahrtwirtschaft abdeckt. Gestützt durch ein starkes Netzwerk aus Forschungseinrichtungen und technischer Infrastruktur sind große Akteure wie Airbus und OHB SE neben mehr als 300 spezialisierten Raumfahrtunternehmen und Tausenden von Zulieferern tätig.
Da der Raumfahrtsektor eng mit der Werkzeugmaschinenindustrie – traditionell Deutschlands widerstandsfähigstem Maschinenbausektor – verflochten ist, ist er in hohem Masse für den Transfer fortschrittlicher Technologien optimiert. Das immense Wachstumspotential dieses Marktes spiegelt sich direkt in den Beschäftigungsstatistiken wider:
- Derzeit sind europaweit etwa 66.000 Personen in den Bereichen Fertigung, Startdienstleistungen und Dienstleistungen im Raumfahrtsektor beschäftigt; Prognosen zufolge soll diese Zahl bis 2030 auf 104.000 steigen.
- Die Luft- und Raumfahrt sowie Verteidigungsindustrie sichern 1,1 Millionen direkte Arbeitsplätze und bis zu 4,2 Millionen indirekte Arbeitsplätze in ganz Europa. Dies weitet sich noch aus, wenn man die Analyse von Erdbeobachtungsdaten, GNSS-Anwendungen (Globales Navigationssatellitensystem) und die nachgelagerte Dienstleistungsentwicklung mit einbezieht.
- Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) beschäftigt an seinen Standorten über 11.000 Mitarbeiter, deutschlandweit gibt es zudem rund 10.000 Beschäftigte in der kommerziellen Raumfahrtindustrie. Bezieht man den gesamten heimischen Luft- und Raumfahrtsektor mit ein, beläuft sich die Beschäftigung auf mehr als 130.000, mit einer prognostizierten Wachstumsrate von 9 Prozent im kommenden Jahr.
Man vergleiche damit die Beschäftigung in Deutschland in traditionellen Sektoren Automobilindustrie und Maschinenbau: In der Automobilindustrie gibt es 720.000 Beschäftige; diese Zahlen sind rückläufig (Prognose: –9 %) wegen strukturellen Veränderungen, hohen Energiekosten, weltweit sinkenden Umsätzen. Im deutschen Maschinenbau hat es rund 1,3 Millionen Beschäftigte; auch diese Zahlen sind rückläufig wegen hohen Energiekosten und der Stagnation der Binnenwirtschaft. Gleichwohl ist der Sektor sehr gut geeignet für eine Umorientierung hin zu Lieferketten im Raumfahrtbereich.
Zum Vergleich: der US-Raumfahrtsektor hat rund 192.000 Beschäftigte, die Zahlen sind steigend, angetrieben durch kommerzielle Expansion. Die NASA beschäftigt 18.000 Beamte und bis zu 40.000 Angestellte, einschließlich Auftragnehmer.
Deutschlands jetzige Rolle in wichtigen Raumfahrtprojekten
Deutschlands Raumfahrtsektor ist grundlegend in die breit gefächerten Aktivitäten der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) eingebunden, einer vertraglich basierenden Organisation mit 22 Mitgliedsstaaten. Der Deutsche Staat fungiert als eine der wichtigsten finanziellen Säulen und trägt rund 23 Prozent zum Jahresbudget der ESA in Höhe von 8 Milliarden Euro bei.

Im Inland werden die Aktivitäten des Landes von einer eigenen, eigens dafür zuständigen Behörde koordiniert, dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Dessen Hauptsitz befindet sich in Köln und beschäftigt Mitarbeiter an 30 Standorten und in 51 verschiedenen Instituten und Einrichtungen. Sein Auftrag reicht weit über die traditionelle Luft- und Raumfahrt hinaus und umfasst Forschung und Entwicklung in den Bereichen Energie, Verkehr, Sicherheit und Verteidigung. Es fungiert zudem als Deutschlands zentraler Projektträger für die vom Bund geförderte Weltraumforschung.
Die Ariane 6 ist Europas neueste Trägerrakete für mittlere bis schwere Nutzlasten und setzt die Tradition der Ariane-Raketenfamilie fort. Sie ist als zweistufige Einwegrakete konzipiert und kann entweder mit zwei Boostern (Ariane 62) oder vier Boostern (Ariane 64) konfiguriert werden. Hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit ist sie mit der Falcon 9 von SpaceX vergleichbar. Die Ariane 62 kann bis zu 10,3 Tonnen in die erdnahe Umlaufbahn (LEO) und 4,5 Tonnen in die geostationäre Transferbahn (GTO) befördern. Die leistungsstärkere Ariane 64 kann bis zu 21,6 Tonnen in die LEO und 11,5 Tonnen in die GTO befördern. Derzeit prüft Arianespace (eine Tochtergesellschaft der ArianeGroup) Modifikationen, um sicherzustellen, dass die Ariane 6 die strengen Sicherheitsstandards erfüllt, die für bemannte Missionen erforderlich sind. Dank modernster Fertigungsmethoden ist die Herstellung einer Ariane 6 um 50 Prozent kostengünstiger und dauert nur halb so lange wie bei der älteren Ariane 5.
Es wird bereits daran gearbeitet, die Wiederverwendbarkeit in die Ariane 6 und ihre Nachfolger zu integrieren, wobei der Schwerpunkt auf den Feststoff-Boostern und der ersten Stufe liegt.
Unterdessen entwickeln deutsche „New Space“-Startups ihre eigenen wiederverwendbaren Raketen. Zu diesen Unternehmen gehören Isar Aerospace in München, Rocket Factory Augsburg (RFA) und HyImpulse Technologies in Neuenstadt am Kocher.
Dieser Wandel hin zur Wiederverwendbarkeit wird durch die Anforderungen des „New Space“-Sektors zum Start kommerzieller Satelliten vorangetrieben. Traditionelle Branchen stützen sich zunehmend auf satellitengestützte Daten für Smart Farming, Logistik, Industrie 4.0 und Infrastrukturüberwachung. Dieser Trend erfordert eine massive Zunahme der Orbitalstarts. Finanziell gesehen kostet ein Start der Falcon 9 etwa 67 Millionen US-Dollar, während eine Einweg-Ariane 6 rund 100 Millionen US-Dollar kostet. Wiederverwendbare Raketen sind jedoch aufgrund des Landegestells und des zusätzlichen Treibstoffs von Natur aus schwerer als Einwegraketen. Dieses zusätzliche Gewicht erfordert leistungsstärkere Triebwerke oder schränkt die maximale Nutzlast ein. So verliert beispielsweise eine Falcon 9 in ihrer wiederverwendbaren Konfiguration einen Teil ihrer maximalen Nutzlastkapazität im Vergleich zum vollständig wegwerfbaren Modus. Trotz dieser Kompromisse bleibt die Ariane 6 eine äußerst leistungsfähige Rakete, die als Hauptzugpferd für zukünftige europäische Weltraummissionen dienen wird.
Deutschlands Anteil bei der Industriestruktur
Die ArianeGroup ist der Hauptauftragnehmer des Projekts Ariane 6 und befindet sich im gemeinsamen Besitz des Luft- und Raumfahrtriesen Airbus und des französischen Technologiekonzerns Safran. Dreizehn Länder und mehr als 600 Unternehmen beteiligen sich an dem Programm. Deutschlands Rolle ist von großer Bedeutung; das Land stellte 20,8 Prozent der Mittel für das Entwicklungsprogramm bis zum Erstflug bereit.
Außerdem entfallen rund 19 Prozent des gesamten industriellen Arbeitsaufwands des Projekts auf deutsche Firmen. Größter deutscher Zulieferer ist MT Aerospace – eine in Augsburg ansäßige Tochtergesellschaft der OHB-Gruppe –, die 10 Prozent des Gesamtprojekts abdeckt. MT Aerospace fertigt wichtige Strukturbauteile, Treibstofftanks, Teile für das Triebwerk „Vulcain 2.1“ sowie die vorderen und hinteren Verkleidungen für die Feststoff-Booster.
Auch Test und Montage sind stark in Deutschland verankert: Die Oberstufe der Ariane 6 wird auf dem Prüfstand P5.2 am Standort des DLR Lampoldshausen nordöstlich von Heilbronn getestet. Diese Anlage simuliert die Flugbedingungen am europäischen Weltraumbahnhof in Französisch-Guyana, mit Ausnahme des Vakuums und der Mikrogravitation. Die deutsche Niederlassung der ArianeGroup fertigt die Schubkammern sowohl für das Vinci- als auch für das Vulcain-2.1-Triebwerk. Darüber hinaus arbeiten deutsche und französische Teams bei der Herstellung der Hilfsantriebseinheit (APU) zusammen. Die Enrichment Technology Company (ETC) entwirft, entwickelt, qualifiziert und fertigt die Heliumtanks aus Kohlefaser. Sobald alle Komponenten der Oberstufe gefertigt sind, werden sie in der spezialisierten Montagehalle der ArianeGroup in Bremen zusammengebaut. Die fertigen Oberstufen werden anschließend an Bord des eigens dafür gebauten mechanischen Segelfrachtschiffs Canopée nach Französisch-Guyana transportiert.
Deutschlands Zusammenarbeit mit USA und China
Die ESA schloss sich 2012 dem von der NASA geleiteten Artemis-Programm an, welches das ehrgeizige Ziel einer letztendlich permanent bemannten Mondbasis verfolgt. Als führendes Mitglied der ESA leistet Deutschland wesentliche Beiträge zu dieser Initiative zur Erforschung des Mondes. Das Engagement der ESA garantiert die europäische Beteiligung an historischen Missionen – einschließlich Plätzen für europäische Astronauten auf zukünftigen Flügen – und treibt gleichzeitig das langfristige Ziel Europas voran, eigene bemannte Weltraummissionen zu starten.
Die ESA hat das Europäische Servicemodul (ESM) gebaut, um das Orion-Raumschiff mit Strom, Wasser, Sauerstoff und Stickstoff zu versorgen. Das ESM beherbergt außerdem das Triebwerk des Orbital Maneuvering System, das die Temperatur des Raumfahrzeugs reguliert und es auf Kurs hält. Die ESA beschreibt die Struktur des ESM als „das Rückgrat des gesamten Fahrzeugs, ähnlich wie das Fahrgestell eines Autos“. Das System basiert auf dem äußerst erfolgreichen Automated Transfer Vehicle (ATV) der ESA, das fünf Versorgungsmissionen zur Internationalen Raumstation (ISS) absolviert hat. Airbus Defence and Space fungiert als Hauptauftragnehmer für das ESM. Die Endmontage erfolgt im Airbus-Werk in Bremen, bevor das Modul in die Vereinigten Staaten verschifft wird. Das ESM absolvierte im Jahr 2022 im Rahmen der Artemis-I-Mission erfolgreich seinen ersten unbemannten Flug in die Mondumlaufbahn, und ein zweites Modul wird bei der bemannten Artemis-II-Mission zum Einsatz kommen.
Neben dem Engagement innerhalb der ESA blickt Deutschland auf eine lange Tradition hochwertiger Zusammenarbeit mit China im Bereich der Luft- und Raumfahrt zurück. Aktuelle geopolitische Verschiebungen und die strenge Raumfahrtpolitik der USA gegenüber China schränken jedoch Deutschlands Möglichkeiten zur Zusammenarbeit bei Chinas aktuellen teilweise bemannten Raumfahrtprogrammen ein. Dazu gehören Einschränkungen bei der Beteiligung an der Raumstation „Tiangong“ und der Internationalen Mondforschungsstation (ILRS) – zwei bedeutenden Initiativen, bei denen gemeinsame chinesisch-deutsche Forschung zu entscheidenden wissenschaftlichen Durchbrüchen führen könnte.
Trotz der heutigen Hindernisse erwiesen sich frühere bilaterale Projekte als äußerst erfolgreich. Ein Paradebeispiel ist das SIMBOX-Experiment (Science and Microgravity Box), das während der Shenzhou-8-Mission durchgeführt wurde. SIMBOX wurde vom Auftragnehmer der Deutschen Raumfahrtagentur Astrium aus Friedrichshafen (heute Teil von Airbus) in Zusammenarbeit mit dem China Manned Space Engineering Office entwickelt und war ein spezialisierter Inkubator, der 17 biologische Experimente beherbergte. Er startete an Bord der chinesischen Raumkapsel „Shenzhou-8“ und dockte erfolgreich an das Modul „Tiangong-1“ an. Finanziert vom deutschen Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie steuerten deutsche Forscher neben der SIMBOX-Anlage selbst sechs eigenständige Experimente bei.

Beiträge zu Navigation und Wissenschaft
Sternsensoren: Das thüringische Luft- und Raumfahrtunternehmen Jena-Optronik liefert zwei hochpräzise ASTRO APS-Sternsensoren, um das Orion-Raumschiff sicher in die Mondumlaufbahn und zurück zu führen. Da im Weltraum kein GPS verfügbar ist, muss Orion anhand der Sterne navigieren. Die Sensoren erfassen Bilder der umgebenden Sternbilder und vergleichen diese mit einem bordeigenen Sternkatalog, um sofort die genaue Ausrichtung des Raumschiffs zu bestimmen. Diese Daten werden in das Lage- und Steuerungssystem eingespeist, um die vorab berechnete Flugbahn beizubehalten. Jena-Optronik ist weltweit führend in dieser Technologie, die in globalen Satellitensystemen weit verbreitet ist.
Strahlungsforschung: Das DLR leitete das „Matroshka AstroRad Radiation Experiment“ (MARE), um die Strahlenbelastung bei Mondflügen zu messen. Deutschland hat maßgeblich zur Entwicklung spezialisierter Instrumente zur Erfassung kosmischer Strahlung beigetragen und damit die Risiken für zukünftige Besatzungen und elektronische Geräte verringert. Das im Rahmen von Artemis I durchgeführte Experiment nutzte zwei identische, nach weiblichen Körpermassen modellierte Mannequins, um die Strahlungsaufnahme während des gesamten Fluges zu erfassen. Ein Mannequin, „Helga“, flog ungeschützt, während das zweite, „Zohar“, eine neu entwickelte AstroRad-Schutzweste trug. Die gesammelten Daten liefern wichtige Bewertungen zur Risikominderung im Vorfeld der bemannten Artemis-II-Mission.
ISS-Betrieb und die Zeit nach der ISS
Deutschland spielt auch eine führende Rolle bei der Beteiligung der ESA an der Internationalen Raumstation (ISS) und ist deren größter einzelner Geldgeber, der zwischen 39 und 41 Prozent des europäischen Anteils finanziert. Bis heute waren vier deutsche Astronauten an Bord der ISS im Einsatz.
Deutschland war am Bau des Columbus-Labors, des wichtigsten europäischen Wissenschaftsmoduls auf der ISS, beteiligt und leitet derzeit dessen Betrieb. Die DLR-Niederlassung in Oberpfaffenhofen bei München beherbergt das Columbus-Kontrollzentrum, das das Labor rund um die Uhr überwacht und steuert. Darüber hinaus beherbergt das DLR an seinem Hauptsitz in Köln neben seinen Forschungsabteilungen für Luft- und Raumfahrtmedizin auch das Europäische Astronautenzentrum (EAC) und die neue LUNA-Analoganlage.

Angesichts des für 2031 geplanten Auslaufens des ISS-Betriebs sowie dessen gezielt herbeigeführten Absturzes aus dem Orbit auf die Erde (bzw. ins Meer) hat die ESA Studien zur Errichtung einer zukünftigen europäischen Raumstation in Auftrag gegeben. Derzeit werden mehrere Betriebsszenarien unter Einbeziehung kommerzieller Partner evaluiert. Es wird erwartet, dass Deutschlands etablierte ISS-Infrastruktur und spezialisierte Raumfahrtzentren bei diesen künftigen Orbitalmissionen eine zentrale Rolle spielen werden.
Deutschlands Rolle bei nuklearen Raketentriebwerken
Deutschland beteiligt sich durch seine Mitgliedschaft in der ESA aktiv an der Entwicklung von nuklearthermischen und Ionen-Antriebssystemen (Nuclear Thermal Propulsion, NTP; und Nuclear Electronic Propulsion, NEP) für Raumfahrzeuge. Kernenergie gilt weithin als unverzichtbar für die Zukunft der Erforschung des erdfernen Weltraums, und internationale Missionen schreiten bereits voran. So hat beispielsweise die NASA für Ende 2028 den Start des „Space Reactor-1 Freedom“ geplant, des ersten durch Kernspaltung angetriebenen interplanetaren Raumfahrzeugs der Menschheit, das dazu dient, NEP im fernen Weltraum zu demonstrieren. Diese Pioniermission wird die „SkyFall“-Nutzlast mitführen und drei Mars-Hubschrauber einsetzen, um Landeplätze für zukünftige bemannte Missionen zu erkunden.
Um mit diesen Entwicklungen Schritt zu halten, hat die ESA mehrere Studien zur Erforschung und zum Einsatz von nuklearen Antriebssystemen initiiert:
Das RocketRoll-Projekt: Die RocketRoll-Studie, die 2023 im Rahmen des ESA-Vorbereitungsprogramms für zukünftige Trägerraketen (FLIPP) gestartet wurde, bewertete die Machbarkeit des nuklear-elektrischen Antriebs. Die Forschung wurde von Wissenschaftlern der Universität Stuttgart, der Universität Prag sowie von Ingenieuren von OHB System (Bremen) und OHB Czechspace durchgeführt. Sie bestätigten die erheblichen Nutzlastvorteile von NEP-Systemen und stellten fest, dass diese Systeme mit Europas Schwerlastrakete Ariane 6 in die Umlaufbahn gebracht werden könnten.
Die Alumni-Studie: Diese von der ESA in Auftrag gegebene Studie konzentrierte sich auf den europäischen nuklearthermischen Antrieb für Mond- und Marsmissionen. Sie wurde 2025 von der französischen Agentur für Atomenergie und alternative Energien (CEA), der ArianeGroup und Framatome Space abgeschlossen und schlug ein neues Design für den nuklearthermischen Antrieb vor. Die Studie stellte jedoch fest, dass die Bewältigung von Herausforderungen wie der Brennstoffbeschaffung und dem Bau sicherer Bodenversuchsanlagen einen langfristigen, mehrere Jahre andauernden Aufwand erfordern wird.
Konsortialansätze: Drei spezialisierte Teams – Tractebel (Belgien), CNRS (Frankreich) und OHB Czech Space – bewerteten unter dem Dach von RocketRoll verschiedene Aspekte der NEP-Technologie. Alle drei Teams kamen zu dem Schluss, dass der nukleare Antrieb neue Erkundungsmöglichkeiten für Ziele eröffnet, die mit herkömmlichen chemischen Raketen rein rechnerisch unerreichbar sind.
Historische Kooperationsprogramme zwischen der EU und Russland
Bevor geopolitische Verschiebungen die internationale Weltraumpolitik veränderten, finanzierte die Europäische Union große gemeinsame Forschungsprogramme unter Beteiligung russischer Institutionen:
Erstens, das Megawatt-Projekt (2013–2014): Diese Initiative entwarf einen technologischen Fahrplan für Antriebssysteme im Weltraum im Megawattbereich. Ziel war es, eine gemeinsame europäisch-russische Wissenschaftsgemeinschaft zu schaffen, die in der Lage ist, eine bemannte Marsmission anzutreiben und automatisierte Probenrückführungsmissionen von den äußeren Riesenplaneten durchzuführen.
Zweitens, das DEMOCRITOS-Projekt (2017): Dieses im Rahmen des EU-Programms „Horizont 2020“ finanzierte, äußerst ambitionierte Konsortium untersuchte die technologischen Anforderungen für ein interplanetares Raumfahrtprogramm unter Verwendung von NEP-Systemen im Megawattbereich. Zur Kerngruppe gehörten die Deutsche Raumfahrtzentrale (DLR), das französische CNES, das britische National Nuclear Laboratory (NNL), das italienische Unternehmen Thales Alenia Space und Airbus Safran Launchers sowie das russische Keldysh-Forschungszentrum. Das Programm beschränkte sich nicht auf die Analyse von Triebwerken, sondern entwarf eine gesamte Infrastruktur für die Logistik im tiefen Weltraum. Der Plan enthielt detaillierte Angaben zu Startkapazitäten vom Boden aus, um modulare Raumfahrzeuge zur Montage in der hohen Erdumlaufbahn zu befördern, sowie zu robotergesteuerten Fertigungsanlagen im Orbit, Raumschleppersystemen für die Strecken Erde-Mond und Erde-Mars sowie zu menschlichen Lebensräumen. Auch wenn nachfolgende geopolitische Ereignisse die praktische Umsetzung dieser Programme zum Erliegen brachten, bleibt DEMOCRITOS ein grundlegendes technisches Modell für die zukünftige multinationale Weltraumforschung.
Drittens, globale Expertenbeiträge: Das Projekt bezog Beratungsbeiträge von Airbus DS Germany, dem Glenn Research Center der NASA, der japanischen Raumfahrtagentur (JAXA) sowie von Raumfahrtexperten aus Brasilien ein.
Die deutsche Satellitenindustrie
Die deutsche Satellitenindustrie ist weltweit führend, insbesondere bei hochpräzisen Erdbeobachtungs- und Navigationstechnologien. Das europäische Vorzeigeprojekt Copernicus stellt das umfassendste Erdbeobachtungssystem der Welt dar. Die Branche wird von zwei dominierenden, systemrelevanten Luft- und Raumfahrtunternehmen geprägt:

Erstens, Airbus Defence and Space (Friedrichshafen). Es ist führend bei der Entwicklung bedeutender Umweltsatelliten. Airbus baute die Sentinel-2-Bildsatelliten und die fortschrittliche Hardware zur Atmosphärenüberwachung für Sentinel-5P. Zweitens, OHB System AG (Bremen/München). Es agiert als Hauptauftragnehmer für den Großteil der Satellitenbetreiber des Galileo-Navigationssystems, welches eine höhere zivile Positionsgenauigkeit bietet als das amerikanische GPS. Als Europas drittgrößtes Raumfahrtunternehmen ist OHB auf kleine bis mittelgroße Satelliten, wissenschaftliche Nutzlasten und Radaraufklärungssysteme wie SARah spezialisiert.
Neben den großen Hauptauftragnehmern verfügt Deutschland über ein vollständiges industrielles Zuliefer-Ökosystem, das von spezialisierten Technologieclustern unterstützt wird:
Berlin Space Technologies (BST): es konzentriert sich auf seriengefertigte, leistungsstarke Kleinsatelliten und Subsysteme für globale kommerzielle und institutionelle Kunden.
SpaceTech GmbH (STI): das Unternehmen mit Sitz in Immenstaad am Bodensee ist Teil eines Hightech-Luft- und Raumfahrtclusters und hat sich auf kleine bis mittelgroße wissenschaftliche Satellitensysteme, fortschrittliche mechanische Subsysteme und Avionik spezialisiert.
TESAT (Tesat-Spacecom): mit Sitz in Backnang ist TESAT weltweit führend bei Satelliten-Nutzlastausrüstung, insbesondere bei wegweisenden Laserkommunikationsterminals für sichere, bandbreitenintensive Datenübertragungen zwischen Satelliten.
Die deutsche Raumfahrtwirtschaft wächst rasant und gehört damit zu den dynamischsten Hochtechnologiesektoren des Landes. Während einige Analysten davor warnen, dass der Ausbau der militärischen Raumfahrtinfrastruktur zu einer Überlastung der Ingenieurkapazitäten führen könnte, schafft der Datenboom ein immenses kommerzielles Potential. Private Unternehmen nutzen die nachgelagerte Datenverarbeitung für Smart Farming, Hydrologie, die Exploration von fossilen Energieträgern unter der Erdoberfläche und die industrielle Logistik.
Potential für Expansion
Das langfristige Wachstum des deutschen und europäischen Raumfahrtsektors lässt sich erfolgreich über zwei unterschiedliche, miteinander verknüpfte strategische Wege erreichen:
Weg 1: der extraterrestrische Imperativ und die Infrastruktur für den Weltraum.
Der erste Weg erfordert ein ideologisches und finanzielles Bekenntnis zur Erforschung des Weltraums. Die Verfolgung dieses Weges beinhaltet die Beherrschung von Antriebssystemen auf Basis von Kernspaltung und Kernfusion, den Bau von Raumstationen in der Umlaufbahn, die Errichtung von Weltraumhäfen im All sowie die Einrichtung automatisierter Fertigungsanlagen. Das oberste Ziel muss darin bestehen, autarke Kolonien auf dem Mond und dem Mars zu unterstützen. Aufgrund des schieren finanziellen und technologischen Umfangs kann dieser Weg ohne eine enge Zusammenarbeit zwischen den weltweit führenden Raumfahrtmächten nicht verwirklicht werden.
Im Jahr 1984 stellte Krafft Ehricke seinen Vorschlag zur Gründung eines Mondstadtstaates vor, den er „Selenopolis“ nannte – benannt nach Selene, der griechischen Mondgöttin und dem griechischen Begriff für Stadt. Die Stadt war für eine Bevölkerung von 100.000 Bürgern aus vielen Nationen der Erde ausgelegt und sollte ein autarker und selbstverwalteter Stadtstaat werden. Auf einer Fläche von etwa 100 Quadratmeilen (~2,6 Quadratkilometer) würde die Stadt aus mehreren Bauwerken im Quonset-Baracken-Stil bestehen – jedes mehrere Kilometer lang –, die um eine große, zentrale Kuppelkonstruktion herum angeordnet wären. Dadurch würde eine erdähnliche Umgebung entstehen, die Wohnraum, öffentliche Einrichtungen, Schulen, Krankenhäuser sowie spezielle Forschungs-, Industrie- und Landwirtschaftseinrichtungen bieten würde. Ehricke schlug vor, dass mit der Entwicklung bereits im Jahr 2029 begonnen werden könnte.

Inspiriert von Ehrickes Vision stellte der ehemalige Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation (ESA), Jan Wörner, im Jahr 2015 das Konzept des „Moon Village“ vor, um eine dauerhafte Präsenz von Menschen und Robotern auf dem Mond zu etablieren. Das „Moon Village“ ist als multinationales Projekt konzipiert, das allen Raumfahrtnationen offensteht und auf der Tradition der Zusammenarbeit im Rahmen der Internationalen Raumstation aufbaut; es soll zu einer gemeinsamen Partnerschaft für die Erforschung des Weltraums und die Industrialisierung des Mondes werden. Diese Initiative würde Einrichtungen begrüssen, die von nationalen Raumfahrtbehörden, öffentlichen und privaten Forschungsinstituten sowie kommerziellen Unternehmen wie Bergbaugesellschaften betrieben werden.
Letztendlich wird der Mond als wichtigste Operationsbasis für interplanetare Reisen dienen. Die Erschließung der Mondressourcen wird die Materialien liefern, die für langfristige interplanetare Projekte erforderlich sind. So könnten beispielsweise die reichen Helium-3-Vorkommen des Mondes als wichtige Treibstoffquelle für die fortschrittlichen, auf Kernfusion basierenden Antriebssysteme dienen, die für Missionen in den Weltraum benötigt werden, und das als Regolith bezeichnete Oberflächenmaterial des Mondes könnte sowohl als Bausubstanz der zu errichtenden Gebäude wie auch als Rohstoff für die Ressourcengewinnung verwendet werden.
Weg 2: Integration des Globalen Südens und Industrialisierung Afrikas.
Der zweite Weg konzentriert sich auf den Aufbau integrierter weltraumindustrieller Kapazitäten in Entwicklungsländern, insbesondere durch die Förderung des afrikanischen Raumfahrtsektors. Diese Initiative muss Hand in Hand mit einer umfassenderen kontinentalen Industrialisierung voranschreiten. Der Aufbau von Satelliteninfrastruktur, Startkapazitäten und technologischen Rechenzentren in Afrika wird ein alternatives, hochproduktives geografisches und wirtschaftliches Tor für die globale interplanetare Raumfahrt schaffen.
Dieser Weg eröffnet die Möglichkeit einer ernsthaften Zusammenarbeit mit den BRICS-Staaten bei gemeinsamen Projekten in ganz Afrika. Diese Initiative würde sich stark auf den Aufbau der afrikanischen inländischen Satelliteninfrastruktur und der technischen Kapazitäten konzentrieren. Entscheidend ist, dass dies mehr erfordert als nur die Erhöhung der absoluten Anzahl von Satelliten im Orbit; es erfordert parallele Investitionen in die Fähigkeit, vorhandene Daten zu verwerten. Das bedeutet den Bau regionaler Bodenstationen und die Bereitstellung fortgeschrittener Schulungen für lokale Ingenieure, damit diese die riesigen Datenmengen nutzen können, die von bestehenden Orbital-Systemen generiert werden. Die Entwicklung dieser Fähigkeiten ist für die Modernisierung der afrikanischen Landwirtschaft, des Bergbaus und des Verkehrssektors absolut unerlässlich.
Darüber hinaus bietet Afrikas geografische Lage beiderseits des Äquators ideale Bedingungen für Weltraumbahnhofanlagen, da Starts vom Äquator aus die Geschwindigkeit einer Rakete durch Ausnutzung der Erdrotationsgeschwindigkeit maximieren. Kenia, das in Ostafrika am Indischen Ozean liegt, bietet einen idealen Standort für ein solches Vorhaben.
Insbesondere der Hafen von Lamu – erbaut von chinesischen Bauunternehmen – stellt einen hochstrategischen maritimen Ankerpunkt dar. Der Hafen dient als Brückenkopf für den LAPSSET-Korridor (Lamu Port-South Sudan-Ethiopia Transport), ein ehrgeiziges Infrastrukturnetzwerk, das eine derzeit im Bau befindliche Autobahn sowie eine geplante Normalspur-Eisenbahnstrecke umfasst, die durch Nordkenia nach Uganda, in den Südsudan und nach Äthiopien führt. Dieses Schwerlast-Logistiknetzwerk bietet genau die Infrastruktur für Schwerlasttransporte, die für den Transport und die Versorgung eines modernen Weltraumstartplatzes erforderlich ist. Die regionale Dynamik im Bereich der Weltraumlogistik nimmt bereits zu, was durch die laufenden Initiativen der türkischen Regierung zum Bau einer eigenen Raketenstartanlage im benachbarten Somalia unterstrichen wird.
Die Verwirklichung des extraterrestrischen Imperativs der Menschheit erfordert immense Ressourcen. Derzeit gehören zu den Raumfahrtmächten, die in der Lage sind, Nutzlasten zum Mond zu befördern, die Vereinigten Staaten, Russland, China, Europa und Indien – allesamt die größten Volkswirtschaften der Welt. Dieser Kreis muss jedoch erweitert werden. Man kann sich vorstellen, dass die Wirtschaftsmächte Japan und Südkorea ein Konsortium ost- und südostasiatischer Staaten nach dem Vorbild der ESA anführen und die eigenständige Fähigkeit entwickeln, schwere Nutzlasten, einschließlich bemannter Raumfahrzeuge, zum Mond und in den Weltraum zu befördern. Ähnliche gemeinsame Programme könnten von afrikanischen und südamerikanischen Ländern ins Leben gerufen werden, was Deutschland und Europa beispiellose Möglichkeiten zur Zusammenarbeit bei der Verwirklichung des extraterrestrischen Imperativs bieten würde.
Die lange Tradition der deutschen Weltraumforschung
Die Rolle deutscher Pioniere bei der Erforschung des Weltraums kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Dieses Erbe beginnt mit dem großen Astronomen Johannes Kepler (1571–1630) in der Zeit der Reformation und des Dreissigjährigen Krieges, der mit dem Aufkommen der Renaissance und ihrer streng wissenschaftlichen Herangehensweise an Fragestellungen derartiger Tragweite mit der bisherigen Tradition scholastisch-dogmatischer Interpretationen der Himmelsphänomene brach. Stattdessen suchte Kepler nach einer naturwissenschaftlichen Hypothese der Planetenbewegungen. Seine Forschungen führten zur „Begründung der Naturwissenschaften“, wie Lyndon LaRouche einmal sagte, indem er den metaphysischen Auslegungen bisheriger Gelehrter ebenso wie den rein mathematischen Modellen zur Voraussage der Himmelsphänomene eine (astro-)physikalische Grundlage verschaffte. Aufbauend auf der umfassenden Datensammlung seines Lehrers Tycho Brahe (1546–1601) übernahm er die Aufgabe, die Himmelsbahn des Mars zu untersuchen und genauestens zu dokumentieren. Seine jahrelangen akribischen Recherchen führten zur Erkenntnis der Orbitalbewegungen aller damals bekannten Planeten – einschließlich der Erde – und enthielten bereits die drei Grundgesetze der Planetenbewegungen, die bis heute als wissenschaftliche Grundlage der modernen Raumfahrt dienen.

Keplers Erkenntnisse und die nach und nach verbesserten Instrumente zur Himmelsbeobachtung wurden in den nachfolgenden Jahrhunderten genutzt, um sich ein umfassendes Bild der Astrophysik zu erarbeiten. Unter den vielen wichtigen Beiträgen hauptsächlich europäischer Wissenschaftler, deren Entdeckungen auch die antiken Aufzeichnungen indischer, chinesischer, ägyptischer, griechischer und arabischer Gelehrter nutzten, um die Weltraumforschung voranzubringen, ist aus deutscher Sicht vor allem Carl Friedrich Gauss (1777–1855) zu nennen, der schon als angehender Student eine komplexe, eigens dafür entwickelte geometrische Konstruktion zur Grundlage seiner Vorhersage der Bewegung eines Himmelskörpers machte, der später als erster entdeckter Planetoid namens „Ceres“ in einer Sonnenumlaufbahn zwischen den Planeten Mars und Jupiter bekannt wurde.
Im 20. Jahrhundert veröffentlichte Hermann Oberth (1894–1989), der als Vater der modernen Raketentechnik gilt, 1923 sein bahnbrechendes Buch Die Rakete zu den Planetenräumen, in dem erstmals der Flüssigkeitsantrieb und die Physik des interplanetaren Flugs beschrieben wurden. Es waren Oberth und andere frühe deutsche Raketenbegeisterte, die 1927 den Verein für Raumschiffahrt (VfR) gründeten. Ein prominentes Mitglied dieses Vereins, Wernher von Braun (1912–1977), wurde zum Chefkonstrukteur der Saturn-V-Rakete, die die ersten Menschen zum Mond beförderte. Darüber hinaus entwickelte der deutsch-amerikanische Weltraumwissenschaftler Krafft Ehricke (1917–1984) mit seinem einflussreichen Konzept des „extraterrestrischen Imperativs“ die geistige Architektur für die Mondkolonisierung und wirtschaftliche Entwicklung. Auch heute spielt Deutschland durch seine zahlreichen Forschungsinstitute, einen dynamischen kommerziellen Raumfahrtsektor und seine vorrangige Beteiligung an der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) eine führende Rolle in der Weltraumforschung.
